Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Über dem Film stehen

In mei­ner Schul­zeit bin ich mit einem unkla­ren Bild kon­fron­tiert wor­den. Es muss in der fünf­ten Klas­se gewe­sen sein. Ich hat­te zu lan­ge Haa­re und schäm­te mich für mein Lächeln. Ich run­zel­te mei­ne Stirn, weil ich fand, dass mei­ne Augen so bes­ser aus­se­hen wür­den. Man schrieb mit Tin­ten­schrei­bern, deren Blau gan­ze Hän­de zier­te, eine Bil­der­ge­schich­te. Ich moch­te das. Bil­der zu Wor­ten machen, Wor­te zu Bil­dern machen, Wor­te für etwas fin­den, was man nicht beschrei­ben kann, Bil­der für etwas fin­den, was es nicht gibt. Eine unmög­li­che Auf­ga­be, in der für mich immer eine Sehn­sucht steckt. Viel­leicht jene erbärm­li­che Sehn­sucht nach Voll­endung. Unser Leh­rer war ein ver­krampf­ter, rund­li­cher Glatz­kopf, der immer nach Rauch stank. Wenn er lach­te, erschrak man, weil er nicht lachen konn­te. Auch die Hef­te, die er von der Kor­rek­tur zurück­gab, stan­ken nach Rauch und ich bil­de­te mir manch­mal ein, dass das Weiß der Sei­ten Gelb gewor­den war. Ein­mal eini­ge Jah­re spä­ter soll­te er wei­nend vor uns ste­hen, weil sei­ne Kat­ze gestor­ben war. Er ging aus dem Klas­sen­zim­mer. Wahr­schein­lich, weil er einen Anschein wah­ren wollte.

Zvenigora

Ich kann mich nicht mehr genau an die Bil­der die­ser Geschich­te erin­nern, nur an ihre Unklar­heit. Es hat mir immer sehr viel bedeu­tet, wenn ich etwas auf­schrei­ben durf­te. Ich war schon beim Früh­stück sehr kon­zen­triert. Mei­ne Fin­ger und Hand­ge­len­ke muss­ten geschont wer­den. Ich nahm die Tee­tas­se mit manie­rier­ter Vor­sicht. Ich schloss mei­ne Augen, um mei­nen Kopf zu befrei­en von den ver­zerr­ten Ein­drü­cken des Mor­gens. Auch kei­ne Gesprä­che mit den umtrie­bi­gen Freun­den über die Fuß­ball­spie­le des Vor­abends, nichts. Eigent­lich war alles unbe­deu­tend, aber für mich exis­tiert immer und immer noch ein schwe­ben­der Raum, wenn ich schrei­ben muss. Eine Art Schwamm in mei­ner Wahr­neh­mung. Manch­mal drückt er einen zu Boden, wenn er zu voll ist. Man hat­te nicht viel Zeit für die­se Schul­auf­ga­ben. Es gab fünf über das Jahr ver­teilt, die den Haupt­teil der End­no­te aus­mach­ten. Ich stu­dier­te also in einer gewis­sen Auf­re­gung die Bil­der. Es war ein Comic. Auf dem letz­ten Bild gab es eine Poin­te. Es waren zwei klei­ne Was­ser­trop­fen dar­auf zu sehen, die aus dem Hahn einer Bade­wan­ne kamen. An die­sen zwei Trop­fen hing die Bedeu­tung der Bil­der­ge­schich­te. Ich habe sie igno­riert. Ich habe sie nicht gese­hen. Ich habe sie ver­ges­sen, als ich sie gese­hen habe. Viel­leicht hat­te ich eine bes­se­re Idee. Mit einem mir selbst uner­klär­li­chen Eifer, der mir immer ein Rät­sel bleibt und der mich immer noch über­fällt, wenn ich ein Licht am Ende mei­nes Schrei­bens erah­ne, pen­te­rier­te ich mei­ne Hand­ge­len­ke in den hef­ti­gen und zacki­gen Bewe­gun­gen der hilf­lo­sen Inspi­ra­ti­on. Ich schrieb, weil ich eine Fata Mor­ga­na sah. Ich erzähl­te eine Geschich­te aus den Bil­dern her­aus, macht­los gegen­über den Bil­dern. Es war viel­leicht mehr über das Gefühl, dass sich durch die Kom­bi­na­ti­on die­ser Bil­der ein­stellt, als über die tat­säch­li­che Geschich­te, die die­se Bil­der erzäh­len. Ande­re wür­den sagen, so auch der glatz­köp­fi­ge Rau­cher: Ich habe nicht genau hin­ge­se­hen. The­ma­ver­feh­lung. Ich fra­ge mich heu­te, ob man ein Bil­der ver­feh­len kann. Mei­ne Geschich­te hat­te alles. Anfang, Mit­te, Ende, Figu­ren, Erzähl­fluss, Emo­tio­nen, Span­nung und eine Rela­ti­on zu den Bil­dern. So zumin­dest wur­de mir das gesagt. Nur eben nicht die Trop­fen, nicht die Poin­te, sie war nicht genau das, was die Bil­der erzähl­ten, als wür­den Bil­der etwas erzäh­len. In spä­te­ren Schul­auf­ga­ben ist mir das nicht mehr pas­siert. Ich habe gelernt, genau hin­zu­se­hen. Aber habe ich dabei auch etwas verlernt?

Genau hin­se­hen und genau hin­hö­ren ist wich­tig. Ins­be­son­de­re, wenn man sich mit Film beschäf­tigt. Es gibt zu vie­le sub­jek­ti­ve, spe­ku­la­ti­ve Aus­sa­gen. Vor kur­zem jedoch ist es mir wie­der pas­siert. In mei­ner Bespre­chung von Dhee­pan habe ich eine Ein­stel­lung gese­hen, von der mir spä­ter berich­tet wur­de, dass es sie nicht gibt. Eine Nah­auf­nah­me, die es nicht gibt. Ich glau­be, dass ich ein Luft­an­hal­ten des Films an der spe­zi­fi­schen Stel­le bemerkt habe, eines, dass sich für mich wie ein Schnitt, ein Inne­hal­ten ange­fühlt hat, eine Beto­nung des Gesichts, ein Bewusst­wer­den. Viel­leicht war es gar nicht da, aber was habe ich dann gese­hen? Ich erin­ne­re mich an das Ende von Our bel­oved month of August von Miguel Gomes. Der Ton­mann Vas­co Pimen­tel wird beschul­digt, dass auf sei­nem Mate­ri­al Din­ge auf­tau­chen wür­den, die es gar nicht gege­ben hat. Er wür­de Din­ge hören, die es nicht gibt. Was es nicht alles gibt, den­ke ich und schaue wei­ter. Bil­der sind nicht fest, den­ke ich. Heu­te ste­he ich oft in klei­nen Grup­pen nach Scree­nings. Irgend­wer spricht immer über Bil­der, oft bin ich es selbst. Man rudert hilf­los mit den Armen, was hat man gese­hen, was hat man gese­hen? Manch­mal bin ich über­rascht. Die ande­ren haben etwas ande­res gese­hen als ich. Erstaun­lich vie­le haben gar nichts gese­hen. Sie spre­chen über ihre Gedan­ken wäh­rend des Sehens. Sie haben nicht mal etwas nicht gese­hen. Sie haben nichts über­se­hen. Meist spre­chen sie über sich selbst. Oder über den Film als Spie­gel für eine gewis­se Zeit. Sie ste­hen über dem Film. Sie ver­ste­hen ihn. Sie erklä­ren ihn. Ande­re ent­de­cken Klei­nig­kei­ten. Sie sehen nur die Trop­fen. Als wür­de ein Bil­der ein­zel­ne, iso­lier­te Infor­ma­tio­nen beinhal­ten, wie eine wei­ße Wand.

Colossal Youth

Ich glau­be, dass Fil­me oft zwi­schen den Bil­dern statt­fin­den. Und es gibt Töne. Wor­te für die­se Din­ge zu fin­den, ist unmög­lich. Es ist eine Umög­lich­keit einen Film zu beschrei­ben. Das gilt sowohl für das Dreh­buch, als auch für die Kri­tik. Es gibt ein Ele­ment der Erin­ne­rung, der Wahr­neh­mung und der Zeit dabei. Die­se haben kei­ne Rela­ti­on zum Film und doch sind sie alles, was wir haben, um Film zu den­ken. Film ist kein sta­ti­sches Objekt, dass man ansieht und dann irgend­et­was über die Zeit her­aus­fin­det. Vie­le behaup­ten, dass man bei einem Film immer die Zeit mit­den­ken muss, in der er ent­stan­den ist. Ich behaup­te, dass man aus einem Film immer etwas über die Zeit erfah­ren kann, in der er gedreht wur­de. Aber vor allem spricht er in der Gegen­wart. Er spricht zu mei­ner Sehn­sucht nach dem, was wir nicht sehen kön­nen, nicht erklä­ren kön­nen. So wie der Ton­film laut Bres­son die Stil­le erfun­den hat, so geht es für mich im Film nur um die Abwe­sen­heit. Der Fokus liegt zwi­schen den Bil­dern, nicht in ihnen. Im Dia­log zwi­schen On und Off. In der Erin­ne­rung, dem Rhyth­mus, der Vor­ge­schich­te, der Ima­gi­na­ti­on, der Asso­zia­ti­on, der stän­di­gen Zeit­lich­keit, die alles ver­än­dert, was wir sehen. Was wir sehen ist nur Aus­druck die­ser Abwe­sen­heit. Und wenn wir es beschrei­ben mit rudern­den Armen oder gestell­ter Sicher­heit, dann nur um für eine Sekun­de fest­zu­hal­ten, was es nicht gibt. Im Kern ist das Schrei­ben über Film immer ein Akt der Lie­be, der die Flüch­tig­keit einer Begeg­nung in Bedeu­tung umwan­deln will, um sich sicher zu füh­len, um sich selbst im Ver­hält­nis zu den Bil­dern zu defi­nie­ren – nie, um die Bil­der zu defi­nie­ren. Wenn ich über einen Film schrei­be, sage ich „Ich lie­be dich.“.

Man sag­te mir, dass ich die Bil­der­ge­schich­te nicht rich­tig ver­stan­den habe. Ich muss­te wei­nen. Dafür schäm­te ich mich weni­ger als für mein Lächeln. Die­se Trä­nen schme­cke ich noch heu­te in mei­nem Hals, obwohl sie längst ver­trock­net sein müss­ten. Sie erset­zen die Trop­fen auf dem Bild. Ich habe mich irgend­wann dafür ent­schie­den, lie­ber die­se Trä­nen zu füh­len, als zu verstehen.