Unheilsbuchten: A Thousand Waves Away von Helena Wittmann

Die Hand­lung ist ledig­lich ein Poten­zi­al und als Poten­zi­al ist sie am wir­kungs­volls­ten, denn so wie alle von Witt­manns bis­he­ri­gen Arbei­ten könn­te jedes Bild in A Thousand Waves Away der Beginn eines wei­te­ren Films sein. An den Anfän­gen, so könn­te man sagen, herrscht eben die betö­rends­te Har­mo­nie zwi­schen Unsi­cher­heit und Offen­heit. Man kippt in ande­re Wirk­lich­kei­ten und kann die eige­nen Schran­ken, die man über die Jah­re im Ange­sicht der Fik­tio­nen errich­tet, leich­ter umge­hen. Anders gesagt: Man ver­steht noch nichts, muss auch noch nichts ver­ste­hen, man kann noch sehen, hören, füh­len. In die­sem Fall nimmt man eine lang­sam zwi­schen rosa blü­hen­den Büschen umher­schlei­chen­de Angst wahr. Men­schen ver­brin­gen Zeit in einem Park, sie hal­ten inne, pflü­cken Blü­ten, umgrei­fen Zwei­ge, aber etwas stö­bert durch ihr Sein und scheucht sie auf. Sie bewe­gen sich wie ein Rudel scheu­er Tie­re, wo ein klei­nes Zucken reicht, um alle in Panik zu ver­set­zen. Sie flie­hen, sie flie­hen und lan­den in einer Art Zivi­li­sa­ti­on mit Gebäu­de­kom­ple­xen am Hori­zont und Park­bän­ken an Tei­chen mit elek­tri­schen Fon­tä­nen und die Fra­ge stellt sich, ob man sie erkennt und ob sie sich erken­nen, ob es über­haupt noch ein Erken­nen gibt oder nur sich rhyth­misch anein­an­der­rei­hen­de Verlorenheit.

Die Zwi­schen­ti­tel berich­ten von einem Ort, an dem vie­les kei­nen Sinn mehr erge­ben hat. Einem Ort, der unter der Erde erzit­tert. Es braucht nicht viel Ima­gi­na­ti­on, um zu erfüh­len, dass es sich bei die­sem Ort um eine Wirk­lich­keit han­deln könn­te, die man kennt, wenn man nur eini­ge Tage in der Welt heu­te ver­bracht hat. Die Men­schen bli­cken dem Licht ent­ge­gen und wagen, an Berüh­run­gen zu den­ken, zumin­dest das, aber sie ste­hen den­noch da wie ent­frem­det vor dem, was sie einst als «ihre Welt» beschrie­ben, den Bäu­men und Strö­mun­gen, dem Grün und Blau. Die Ent­frem­dung greift um sich, sie lässt sich nicht benen­nen, aber sie ist da. Kei­ne Mythen ent­sprin­gen mehr die­sen Flüs­sen, kei­ne Geschich­ten, nur noch ein ver­blas­sen­des Schim­mern, das die Men­schen nicht erken­nen, das ihnen über­haupt nichts mehr sagt. Viel­leicht liegt es dar­an, dass es sich um eine von Men­schen zuge­rich­te­te Natur han­delt, die Witt­mann hier auf 16mm fest­hält. Aber der­art simp­le Inter­pre­ta­tio­nen ver­puf­fen im Rau­schen der Ein­drü­cke und des zöger­lich ent­wei­chen­den Lichts.

Witt­manns fil­mi­sche Stra­te­gie wider­spricht jenen im Kino ver­tre­te­nen Hal­tun­gen, die sich dem Stoff­li­chen zuwen­den, wie­wohl sie die­ser Hal­tung glei­cher­ma­ßen ange­hört, das bedeu­tet, sie filmt die Din­ge in ihrer Mate­ria­li­tät, aber sie erkennt deren Essenz im Unste­ti­gen, Unfes­ten, Unstoff­li­chen. Oder aber sie filmt Ahnun­gen, als wären es Stoffe.

Das Begeh­ren und die Furcht äußern sich in Ges­ten und Posen. Das ver­gisst man, wenn man in Fil­men heu­te meist mit Dia­lo­gen nie­der­ge­bü­gelt wird, die dafür sor­gen, dass man sie auch sehen könn­te, ohne hin­zu­schau­en. Witt­mann dage­gen setzt auf eine Art musi­ka­li­sche Dop­pel­he­lix, zum einen durch das, was man etwas platt gern als das Musi­ka­li­sche in Schnitt und Bil­dern beschreibt, zum ande­ren durch Nika Sons Inde­fi­ni­te cup­board, ein Stück, das die Kom­po­nis­ten bereits 2020 auf dem Album To Eyeo­re ver­öf­fent­licht hat (Eyo­re, der von A. A. Mil­ne beschrie­be­ne, an Anhe­do­nie kran­ken­de oder sich dar­in behag­lich ein­rich­ten­de Esel) und das sich per­fekt in die­se Wahr­neh­mung der aus­ge­setz­ten oder schwe­ben­den Mög­lich­kei­ten ein­fügt. Was geschieht als nächs­tes, ist eine wich­ti­ge Fra­ge für das Kino, die von Son und Witt­mann als Zustand erfasst wird, in dem die Fra­ge sämt­li­che mög­li­che Ant­wor­ten in sich auf­nimmt. Alles und nichts, alles und nichts, alles und nichts.

Dabei sieht das Gefilm­te unfass­lich schön aus, eigent­lich zu schön. Fast möch­te man sich die­ser Schön­heit ver­weh­ren, man fragt sich, ob sie nicht nur mehr ein Traum ist, eine unter dem Ein­satz von Zel­lu­loid und Licht und Far­ben her­ge­stell­te Illu­si­on, ob man sie über­haupt sehen darf. Und es stimmt, Witt­mann ver­liebt sich manch­mal all­zu sehr in das, was sie sieht, sie schafft Räu­me, in denen sie mehr und mehr Zeit mit die­ser Schön­heit ver­brin­gen kann. Als Bar­ri­ka­de gegen die Wirk­lich­keit oder als Erret­tung der­sel­bi­gen? Das kommt wohl auf den eige­nen Blick an. Über Mikio Naru­se hat Ser­ge Daney ein­mal gesagt, er suche nach jenem Augen­blick, in dem ein Mensch bre­chen wür­de. Über Witt­mann lässt sich sagen, sie sucht nach dem Augen­blick, in dem ein Mensch oder eine Land­schaft (wenn das nicht das Glei­che ist) am schöns­ten ist. Aber woan­ders, als in die­ser Schön­heit, lässt sich ein Unheil zei­gen, das noch etwas bedeu­tet? Woan­ders zeigt sich das Gewicht, das die bedroh­te Erde an jedem Tag ver­liert? Woan­ders lässt sich der Ver­lust einer sinn­li­chen Bezie­hung zur Schön­heit der Welt erzäh­len? Alles und nichts, die Höl­le, das Paradies.