Hin und wie­der gelingt es ein per­sön­li­ches Fes­ti­val­pro­gramm so zusam­men­zu­stel­len, dass sich zwi­schen zwei oder mehr Fil­men span­nen­de Syn­er­gien erge­ben. Noch inter­es­san­ter wird das, wenn sich die­se Film­fol­ge nur rein zufäl­lig aus dem Pro­gramm ergibt und nicht von den Kura­to­ren vor­her­ge­se­hen ist. Mon­tag­abend war eine die­ser Gele­gen­hei­ten, als um 18 Uhr im Ura­nia-Kino in Von Cali­ga­ri zu Hit­ler fei­er­lich auf die Fil­me der Wei­ma­rer Repu­blik zurück­ge­blickt wur­de, und es qua­si im Anschluss im unweit gele­ge­nen Metro-Kino die Mög­lich­keit gab einen die­ser Fil­me, Georg Wil­helm Pabsts Die Büch­se der Pan­do­ra, zu bewun­dern. Pabsts Stumm­film­klas­si­ker lief im Rah­men des Spe­cial Pro­grams zu Ehren des öster­rei­chi­schen Schau­spie­lers Fritz Kort­ner, der im Film eine der Haupt­rol­len innehat.

Von Cali­ga­ri zu Hit­ler ist, wenn man so will, das per­fek­te Vor­pro­gramm zu qua­si jedem Film die­ser Ära. Zwar erreicht der Film nicht die Höhen wie Mar­tin Scor­se­ses Auf­ar­bei­tung der ame­ri­ka­ni­schen bezie­hungs­wei­se ita­lie­ni­schen Film­ge­schich­te und schon gar nicht die von Mark Cou­sins 15-stün­di­gem magnum opus The Sto­ry of Film: An Odys­see, aber er macht Lust dar­auf die­se Fil­me (wie­der) zu sehen, und das ist den­ke ich ein­mal das wich­tigs­te an einer Film­do­ku­men­ta­ti­on über Film. Szene aus

An die­ser Stel­le eine Rand­be­mer­kung über Restau­ra­ti­ons- und Auf­füh­rungs­prak­ti­ken: Die Büch­se der Pan­do­ra wur­de in einer 2009 restau­rier­ten Ver­si­on mit Live-Kla­vier­be­glei­tung gezeigt. Es han­delt sich dabei um eine digi­ta­le Restau­ra­ti­on, so weit so gut. Ich bin davon über­zeugt, dass von die­ser Restau­ra­ti­on auch 35mm-Vor­füh­rungs­ko­pien gezo­gen wur­den, im Metro-Kino wur­de an die­sem Abend aller­dings digi­tal pro­ji­ziert. Ein­mal abge­se­hen davon, dass es mir etwas über­kom­pli­ziert vor­kommt eine DCP ohne Ton­spur zu pro­du­zie­ren, da in die­sem Fall die Ver­klei­ne­rung des Bild­ka­ders durch Hin­zu­fü­gen einer Ton­spur, wie es bei einem 35mm-Print der Fall wäre, weg­fällt, hal­te ich es für bedenk­lich, dass hier einem Pro­xy­me­di­um der Vor­zug gege­ben wird. Gera­de ein kano­ni­scher Klas­si­ker wie Die Büch­se der Pan­do­ra muss doch in pas­sa­bler Qua­li­tät als 35mm-Print ver­füg­bar sein, und dann muss es im Sin­ne der Ver­an­stal­ter, wie des Publi­kums sein, eine Prä­sen­ta­ti­on im Ori­gi­nal­me­di­um zu gewähr­leis­ten. Ich las­se mir hier gern Puris­mus vor­wer­fen, aber wenn schonl zu Beginn des Films Text­ta­feln anprei­sen, dass durch die Mög­lich­kei­ten der digi­ta­len Tech­nik, das Gefühl der Mon­ta­ge, wie Pabst sie im Sinn hat­te rekon­stru­iert wer­den konn­te, dann ist eine sol­che Prä­sen­ta­ti­ons­wei­se ein­fach unehr­lich. Und da steht nicht nur die Insti­tu­ti­on unter Kri­tik, die die­se Schau orga­ni­siert, son­dern vor allem die ver­lei­hen­de Insti­tu­ti­on, die solch eine DCP über­haupt anbie­tet. Erschwe­rend hin­zu kommt noch, dass die­se tech­nisch gar nicht auf dem neu­es­ten Stand ist und auf der Basis eines 2k-Scan her­ge­stellt wur­de. Für die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten von 2009 sieht die DCP sogar sehr gut aus, den Ver­gleich mit einer Vor­füh­rungs­ko­pie in 35mm dürf­te sie jedoch nicht wagen. Kortner und Brooks in

Das alles ist sehr scha­de, denn der Film ent­pupp­te sich als ein sehr erfreu­li­ches Kino­er­leb­nis. Die Büch­se der Pan­do­ra ist zurecht ein kano­ni­sier­tes Werk der Film­ge­schich­te und zählt nicht umsonst zu den bekann­tes­ten Fil­men des Wei­ma­rer Kinos. Pabst gelingt es wie ande­ren gro­ßen Meis­tern der Film­kunst klas­si­sche Stumm­film­äs­the­tik hin­ter sich zu las­sen und statt­des­sen eine uni­ver­sa­le Film­spra­che zu spre­chen. Des­halb war der Film zur dama­li­gen Zeit wohl ein kom­mer­zi­el­ler Flop – der Film ist ganz ein­fach zu pro­gres­siv. Psy­cho­lo­gisch moti­vier­te Cha­rak­te­re, kom­ple­xe mora­li­sche Fabeln, ein bit­ter­bö­ses Ende und ein Haupt­cha­rak­ter, der zur Hälf­te des Films ganz ein­fach ver­stirbt – was aus heu­ti­ger Sicht recht banal klin­gen mag ist für die Wei­ma­rer Kino­in­dus­trie gera­de­zu avant­gar­dis­tisch. Aber nicht nur das Dreh­buch hält dem heu­ti­gen Erzähl­stan­dard stand, vor allem in Sachen Mon­ta­ge kann jeder (ange­hen­de) Fil­me­ma­cher noch eini­ges von Pabst ler­nen. Mit einer unver­gleich­li­chen Flüs­sig­keit und Leich­tig­keit schrei­tet der Film vor­an und schafft es die Opu­lenz eines groß­bür­ger­li­chen Pent­hau­ses mit einer küm­mer­li­chen Dach­ge­schoss­woh­nung zu ver­bin­den, ohne dabei mit sei­nem visu­el­len Stil bre­chen zu müs­sen. Als ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen bleibt, dass gera­de einem Film wie Die Büch­se der Pan­do­ra das Glän­zen und Fla­ckern einer Zel­lu­loid­pro­jek­ti­on sehr stark abgeht – gera­de wenn man sich nach Von Cali­ga­ri zu Hit­ler, der ver­ständ­li­cher­wei­se aus digi­ta­li­sier­ten Film­aus­schnit­ten besteht, auf „the real thing“ freut.

PS: Kommt es nur mir so vor oder ver­rin­gert sich tat­säch­lich die Zahl der läu­ten­den und vibrie­ren­den Mobil­te­le­fo­ne in den Kino­sä­len? Kann es sein, dass es zumin­dest in Fes­ti­val­k­rei­sen nun end­lich dazu gekom­men ist Awa­re­ness für sol­che Stö­run­gen zu schaf­fen? Das Kino als Ort, wo man noch Ruhe hat, vor der Welt, die einem stän­di­ge Erreich­bar­keit abverlangt.