Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Viennale 2025: Fünfter Tag

Mein Blick geht zu Boden. Laub­ster­ne ver­trock­nen auf dem Asphalt. Sie krin­geln sich und zer­brö­seln schließ­lich zwi­schen den Fin­gern oder unbe­merkt irgend­wann im Wind. Ich ver­su­che, nicht auf sie zu tre­ten, war­um auch immer, und sprin­ge wie ein von Hor­nis­sen umschwärm­ter Narr zwi­schen ihnen umher, nur ja nicht auf das Laub tre­ten, den­ke ich, als wür­de ich damit etwas ändern.

Zunächst wäh­ne ich mich in Pene­lo­pe Fitz­ge­ralds The Blue Flower mit Nova­lis und einem weib­li­chen Blick auf die­se von ver­träum­ten Män­nern beherrsch­te Geschich­te. Dann kom­men die Ein­stel­lung eines gefüll­ten Nacht­topfs und der Schnitt in ein Möbel­ge­schäft in Sach­sen-Anhalt heu­te und ich bemer­ke an die­ser ganz eige­nen Tona­li­tät, in der die Dar­stel­ler ihre Figu­ren immer leicht vor sich her­tra­gen, dass ich mich in einem Film von Juli­an Radl­mai­er befinde.

Radl­mai­er gelingt es in Sehn­sucht in Sang­erhau­sen, sämt­li­che Ambi­va­len­zen (oder Gleich­zei­tig­kei­ten) aus­zu­hal­ten, um so etwas wie die Erret­tung Deut­scher Roman­tik zu wagen. Nicht im Sin­ne einer Hin­wen­dung an blaue Blu­men son­dern, indem er Sehn­sucht ganz kon­kret und poli­tisch ver­steht. Sehn­sucht in einer Welt mit Rechts­druck, Neo­li­be­ra­lis­mus und Social Media. Das ist manch­mal kon­zep­tu­ell, aber füllt sich durch die Bild­ge­stal­tung und einen unheim­lich prä­zi­sen Schnitt mit Leben. Da ist wie­der die­se «Aktua­li­tät», das auf jeden Fall. Die­ser hilf­lo­se Ver­such des Kinos, die Gegen­wart einzufangen.

In einer Pau­se ver­ste­cke ich mich in der Tha­lia-Buch­hand­lung vor der Käl­te. Über­all ste­hen Ril­ke-Bän­de ob des­sen 150. Geburts­tag. Im Kom­merz­buch­la­den die lite­ra­ri­sche Moder­ne, im Fes­ti­val­ki­no die Roman­tik. Dazwi­schen nur Laub und Wind und das rie­si­ge Bild von Aria­na Gran­de auf einem Pla­kat in der Kärnt­ner Stra­ße. Ich muss das mit der Ring­stra­ße zurück­neh­men. Die Her­ren­gas­se ist die schlimms­te Stra­ße Wiens.

In Sehn­sucht in Sang­erhau­sen gibt es einen zumin­dest intel­lek­tu­el­len Glau­ben an eine bes­se­re Welt, der nicht pathe­tisch oder kit­schig wirkt. Ich wür­de behaup­ten, dass wir einen inne­ren Wider­stand gegen die­se bes­se­re Welt ent­wi­ckelt haben. Ich kann ihr nur als abs­trak­te Idee fol­gen. Das besorgt mich.

Radl­mai­ers Film­spra­che steht immer etwas ober­halb der Figu­ren. Auch des­halb tut ihm die Zuge­wandt­heit im Ver­gleich zu sei­nen vor­he­ri­gen Fil­men gut. Es gibt eine gro­ße Sub­ti­li­tät in die­sem Film und die­se Sub­ti­li­tät ist kul­tu­rell geprägt, das bedeu­tet, dass ihre Andeu­tun­gen Dis­kur­sen ent­sprin­gen, die in einer bestimm­ten Kul­tur exis­tie­ren (die deut­sche Kul­tur, die Kino­kul­tur, die kri­ti­sche Kul­tur, die mar­xis­ti­sche Kul­tur und so wei­ter). Das macht die­sen Film trotz sei­ner ästhe­ti­schen Anlei­hen an Hong Sang-soo zu einem Geschwis­ter von Radu Jude, ein­zig ist mir die Nuan­ciert­heit Radl­mai­ers hier deut­lich lie­ber als die Pro­vo­ka­ti­on Judes in Dra­cu­la.

In die Son­ne schau­en und Sehn­sucht in Sang­erhau­sen sind die zwei Pole deut­scher Erfah­rung. Die bei­den Fil­me ste­hen sich wirk­lich dia­me­tral ent­ge­gen. Bei­de Fil­me zei­gen, dass die Roman­tik nicht über­wun­den wer­den kann und auch nicht über­wun­den wer­den muss. Die Fra­ge stellt sich viel­mehr, wie sie sich heu­te äußern kann und will.

Das Iro­ni­sche treibt mich um. Ich den­ke an einen Essay von Adam Zaga­jew­ski, in dem er unter ande­rem bemerkt, dass die Iro­nie das Ver­lo­ren­sein in einer plu­ra­lis­ti­schen Welt aus­drü­cken kön­ne. Eine Art Distan­zie­rungs­me­cha­nis­mus also, der gar nicht so sehr dem Ton Tho­mas Manns ähnelt, son­dern viel­mehr ver­sucht, der gras­sie­ren­den See­len­lo­sig­keit mit Rhe­to­rik ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die Gefahr ist ein­zig, dass die Ban­ken und Büro­kra­ten die­se Iro­nie viel bes­ser beherrschen.

Digna Sin­kes Weemoed & Wil­der­nis ist ein Film ohne Iro­nie. Eine Insel wird geflu­tet, ein Mensch ver­schwin­det. Ich mag, wie sehr der Film bei sich bleibt. Beim Schau­en den­ke ich mir, dass die­ser Film auch ohne Publi­kum berüh­ren würde.

Die zum Boden gerich­te­te Kame­ra: Was sucht sie? Gefal­le­nes Laub? Her­um­lie­gen­de Stei­ne? Ein biss­chen Demut vor der Welt? Oder glaubt sie tat­säch­lich, mit ihrer kal­ten Mecha­nik, den Ver­än­de­run­gen der Erde nach­spü­ren zu kön­nen? In Weemoed & Wil­der­nis zeigt Sin­ke die sel­be Ein­stel­lung über fünf­zehn Jah­re. Mich erstaunt, wie lang­sam sich die Pflan­zen ihren Boden zurück­er­obern. Oder ist es nur mein Sehen, das Ver­än­de­run­gen nicht begrei­fen kann?

Es sagt was aus über die­se Gene­ra­ti­on der Film­kri­tik in Deutsch­land, dass sie es nicht längst ver­stan­den hat, inter­na­tio­nal wirk­sam eine neue Ber­li­ner Schu­le rund um Juli­an Radl­mai­er, Alex­and­re Kobe­r­id­ze, Susan­ne Hein­rich, die Zür­cher-Zwil­lin­ge und Faraz Fesha­ra­ki aus­zu­ru­fen. Die Fil­me die­ser Grup­pe ste­hen denen ihrer Vor­gän­ger jeden­falls in nichts nach. Viel­leicht aber ist es gut, dass die­ses Schul­den­ken hier nicht greift. So wer­den Unter­schie­de nicht all­zu leicht getilgt.