Mein Blick geht zu Boden. Laubsterne vertrocknen auf dem Asphalt. Sie kringeln sich und zerbröseln schließlich zwischen den Fingern oder unbemerkt irgendwann im Wind. Ich versuche, nicht auf sie zu treten, warum auch immer, und springe wie ein von Hornissen umschwärmter Narr zwischen ihnen umher, nur ja nicht auf das Laub treten, denke ich, als würde ich damit etwas ändern.
Zunächst wähne ich mich in Penelope Fitzgeralds The Blue Flower mit Novalis und einem weiblichen Blick auf diese von verträumten Männern beherrschte Geschichte. Dann kommen die Einstellung eines gefüllten Nachttopfs und der Schnitt in ein Möbelgeschäft in Sachsen-Anhalt heute und ich bemerke an dieser ganz eigenen Tonalität, in der die Darsteller ihre Figuren immer leicht vor sich hertragen, dass ich mich in einem Film von Julian Radlmaier befinde.
Radlmaier gelingt es in Sehnsucht in Sangerhausen, sämtliche Ambivalenzen (oder Gleichzeitigkeiten) auszuhalten, um so etwas wie die Errettung Deutscher Romantik zu wagen. Nicht im Sinne einer Hinwendung an blaue Blumen sondern, indem er Sehnsucht ganz konkret und politisch versteht. Sehnsucht in einer Welt mit Rechtsdruck, Neoliberalismus und Social Media. Das ist manchmal konzeptuell, aber füllt sich durch die Bildgestaltung und einen unheimlich präzisen Schnitt mit Leben. Da ist wieder diese «Aktualität», das auf jeden Fall. Dieser hilflose Versuch des Kinos, die Gegenwart einzufangen.
In einer Pause verstecke ich mich in der Thalia-Buchhandlung vor der Kälte. Überall stehen Rilke-Bände ob dessen 150. Geburtstag. Im Kommerzbuchladen die literarische Moderne, im Festivalkino die Romantik. Dazwischen nur Laub und Wind und das riesige Bild von Ariana Grande auf einem Plakat in der Kärntner Straße. Ich muss das mit der Ringstraße zurücknehmen. Die Herrengasse ist die schlimmste Straße Wiens.
In Sehnsucht in Sangerhausen gibt es einen zumindest intellektuellen Glauben an eine bessere Welt, der nicht pathetisch oder kitschig wirkt. Ich würde behaupten, dass wir einen inneren Widerstand gegen diese bessere Welt entwickelt haben. Ich kann ihr nur als abstrakte Idee folgen. Das besorgt mich.
Radlmaiers Filmsprache steht immer etwas oberhalb der Figuren. Auch deshalb tut ihm die Zugewandtheit im Vergleich zu seinen vorherigen Filmen gut. Es gibt eine große Subtilität in diesem Film und diese Subtilität ist kulturell geprägt, das bedeutet, dass ihre Andeutungen Diskursen entspringen, die in einer bestimmten Kultur existieren (die deutsche Kultur, die Kinokultur, die kritische Kultur, die marxistische Kultur und so weiter). Das macht diesen Film trotz seiner ästhetischen Anleihen an Hong Sang-soo zu einem Geschwister von Radu Jude, einzig ist mir die Nuanciertheit Radlmaiers hier deutlich lieber als die Provokation Judes in Dracula.
In die Sonne schauen und Sehnsucht in Sangerhausen sind die zwei Pole deutscher Erfahrung. Die beiden Filme stehen sich wirklich diametral entgegen. Beide Filme zeigen, dass die Romantik nicht überwunden werden kann und auch nicht überwunden werden muss. Die Frage stellt sich vielmehr, wie sie sich heute äußern kann und will.
Das Ironische treibt mich um. Ich denke an einen Essay von Adam Zagajewski, in dem er unter anderem bemerkt, dass die Ironie das Verlorensein in einer pluralistischen Welt ausdrücken könne. Eine Art Distanzierungsmechanismus also, der gar nicht so sehr dem Ton Thomas Manns ähnelt, sondern vielmehr versucht, der grassierenden Seelenlosigkeit mit Rhetorik entgegenzutreten. Die Gefahr ist einzig, dass die Banken und Bürokraten diese Ironie viel besser beherrschen.
Digna Sinkes Weemoed & Wildernis ist ein Film ohne Ironie. Eine Insel wird geflutet, ein Mensch verschwindet. Ich mag, wie sehr der Film bei sich bleibt. Beim Schauen denke ich mir, dass dieser Film auch ohne Publikum berühren würde.
Die zum Boden gerichtete Kamera: Was sucht sie? Gefallenes Laub? Herumliegende Steine? Ein bisschen Demut vor der Welt? Oder glaubt sie tatsächlich, mit ihrer kalten Mechanik, den Veränderungen der Erde nachspüren zu können? In Weemoed & Wildernis zeigt Sinke die selbe Einstellung über fünfzehn Jahre. Mich erstaunt, wie langsam sich die Pflanzen ihren Boden zurückerobern. Oder ist es nur mein Sehen, das Veränderungen nicht begreifen kann?
Es sagt was aus über diese Generation der Filmkritik in Deutschland, dass sie es nicht längst verstanden hat, international wirksam eine neue Berliner Schule rund um Julian Radlmaier, Alexandre Koberidze, Susanne Heinrich, die Zürcher-Zwillinge und Faraz Fesharaki auszurufen. Die Filme dieser Gruppe stehen denen ihrer Vorgänger jedenfalls in nichts nach. Vielleicht aber ist es gut, dass dieses Schuldenken hier nicht greift. So werden Unterschiede nicht allzu leicht getilgt.

