Es war eine die­ser hei­ßen Näch­te. Das Kino hat­ten bereits geschlos­sen. Durch das Flim­mern der Nacht­luft hör­te man die Erin­ne­run­gen an längst ver­ges­se­ne Fil­me. Sie waren meist schwarz und weiß und es gab Nah­auf­nah­men, die län­ger in der Luft hin­gen, als die Hit­ze. Vor dem klei­nen Kino, das zum Anwe­sen mei­ner Tan­te gehör­te, war eine Ter­ras­se. Im Juli war es dort herr­lich, weil die Son­ne die gan­ze Zeit gera­de so durch den wuchern­den Wein drang und wie der Wind über das küh­le Gemäu­er der alten Vil­la mei­ner Tan­te husch­te. Im August war es kaum aus­zu­hal­ten, weil der Wein in sei­ner Rei­fe sei­ne Knos­pen auf unse­re Köp­fe reg­nen ließ, wäh­rend ein Orches­ter von Wes­pen das Reden, Trin­ken und Erin­nern an die Fil­me unmög­lich mach­te. Es muss in mei­nem letz­ten Jahr dort gewe­sen sein, als ich zum ers­ten Mal kei­ne Reak­ti­on auf einen Film hat­te. Das mag zunächst nicht sehr bedeut­sam klin­gen, für mich jedoch war es ein Schock. Denn mit der Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Film, es war Luch­i­no Vis­con­tis Sen­so, kam für mich auch eine Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Som­mer, der Hit­ze, den lächeln­den Mäd­chen auf der Stra­ße, die mir ein ande­res Leben ver­spra­chen, das sie selbst nicht kann­ten und woll­ten. Es war, als wür­de ich eine Lee­re in mir spü­ren, die das Kino immer recht gut vor mir zu ver­ste­cken wusste.

In die­sen Tagen führ­te ich ein Jour­nal. Ich trug sämt­li­che Fil­me dar­in ein. Es war ein von mei­ner Ver­gess­lich­keit und den damit kol­la­bo­rie­ren­den Schau­ern durch­näss­tes schwar­zes Buch. Der Leder­um­schlag war von mei­nen ner­vö­sen Fin­ger­nä­geln gekenn­zeich­net, die sich bei mei­nen ers­ten Begeg­nun­gen mit Mel­ville, den ich immer bes­ser ver­stand als Hitch­cock, dort ein­gru­ben. Nach Sen­so ver­spür­te ich dazu kei­ne Lust. Ich ging ein wenig in der war­men Nacht umher und war mir nicht ganz sicher, wozu ich so vie­le Fil­me anschaue. Gleich neben dem Anwe­sen mei­ner Tan­te und dem klei­nen Kino gab es einen Fried­hof. Ich habe dar­in immer etwas Erha­be­nes gese­hen. Ein Fried­hof neben dem Kino. Das Licht und die Dun­kel­heit. Der Fried­hof war nicht beson­ders schön. Da er so weit drau­ßen lag, kamen nur weni­ge, um die Grä­ber zu pfle­gen. Vor allem im Som­mer, wenn die Leu­te sich in ihren küh­len Woh­nun­gen ver­kro­chen oder in ande­re Gebie­te fuh­ren, in denen die Hit­ze ein Teil des Spiels war. Meist hat­te ich das Kino für mich allein. Ein­mal kam ein jun­ges, blon­des Mäd­chen und setz­te sich eine Rei­he vor mich. Sie war eine schlei­chen­de Frau, ich bin mir sicher, dass sie inzwi­schen ver­schwun­den ist aus die­sem Leben. Sie hat­te trotz der Hit­ze ein durch­schim­mern­des Hals­tuch, das sie wie ein Karus­sell ableg­te. Ich dreh­te mich zu mei­ner Tan­te, aber die leg­te die Film­rol­le ein. Das zer­brech­li­che Genick des blon­den Mäd­chens war müde. Sie nahm einen gla­si­gen Schluck, er klang, ihre Haa­re sind gefal­len wie der letz­te Regen im Som­mer. Der Film muss­te jeden Augen­blick begin­nen. Da nahm sie ein Kalei­do­skop aus ihrer Tasche. Der Film begann, es war Ter­je Vigen von Vic­tor Sjö­ström. Für eine Sekun­de, als das Saal­licht sich dämm­te, dach­te ich nicht mehr an den Film. Ich sah nur ihre Bei­ne vor einem wei­ßen Tuch fal­scher Erin­ne­run­gen, erleuch­tet im gefan­ge­nen Licht der beschat­te­ten Lein­wand. Ich woll­te ihr Knie spü­ren. Nur mit jedem Bild des begin­nen­den Films wur­de sie irrea­ler. Sie wur­de durch­sich­tig vor Sjö­ström. Sie exis­tier­te nur ohne das Licht, für das sie gekom­men war. Unse­re gemein­sa­men Träu­me ver­wisch­ten und ich blieb allein im Kino. Sie kam nie wie­der. Doch damals war ich vol­ler Lei­den­schaft nach dem Film. Ich schrieb die gan­ze Nacht auf der Ter­ras­se beglei­tet von den Gril­len und den rau­en Fel­sen in der skan­di­na­vi­schen See, die aus dem Film wie Wel­len durch die Nacht schwappten.

Nein, nach Sen­so war es etwas ande­res. Ich konn­te nicht sagen, dass mir der Film nicht gefiel, ich konn­te nicht sagen, dass er es tat. Ich konn­te nicht sagen, dass ich ihn ver­stand, ich konn­te nicht sagen, dass ich es nicht tat. Ich war gesund. Zumin­dest hielt ich mich für gesund. Ich fühl­te mich gut, war nicht müde, hat­te kei­nen Hun­ger. Das wäre bei mei­ner Tan­te sowie­so nicht vor­ge­kom­men, denn nichts ver­stand sie neben ihrer Samm­lung alter Film­ka­me­ras bes­ser als das Kochen. Das ein­zi­ge, was ich dage­gen je kochen woll­te, war eine Pis­to­le wie Michel Pic­co­li in Dil­lin­ger è Mor­to, aber das ist eine ande­re Geschich­te. Es gab ein­fach nichts über die­sen Film zu schrei­ben, was mir bedeut­sam schien. Es mag schon immer Autoren gege­ben haben, die Rele­vanz an objek­ti­ve­ren Din­gen wie der Geschicht­lich­keit des Dis­kur­ses, Erwäh­nun­gen oder gar Anzahl der Leser fest­ge­macht haben, aber da ich nur für mich selbst in das klei­ne Büch­lein schrieb, ging es mir nur um die Sehn­sucht selbst. Das Begeh­ren zu schrei­ben. etwas zwi­schen mir und dem Film. Oft genug war es der Akt des Schrei­bens, der mich mehr inter­es­sier­te, als was dabei her­aus­kam. Viel­leicht, wie es bei Sus­an Son­tag heißt, um zu wis­sen, was ich den­ke, viel­leicht, um über­haupt zu den­ken, viel eher aber, um zu den­ken, was ich fühle.

Über meh­re­re Som­mer hin­weg war es gar kei­ne Fra­ge, dass ein Film, egal wel­cher Film die­se Sehn­sucht in mir aus­lö­sen wür­de. Doch mit Sen­so ver­schwand sie plötz­lich. Sie kam auch nicht zurück. Ich erin­ne­re mich an die fol­gen­den Aben­de. Mei­ne Tan­te, die damals trotz begin­nen­der Schmer­zen einen neu­en Mann an ihrer Sei­te hat­te und in den Backen von einem Leben erzähl­te, das ihr rest­li­cher Kör­per nur müh­sam in sich hal­ten konn­te, woll­te mich völ­lig ent­füh­ren, sie woll­te auch ihren neu­en Lieb­ha­ber ent­füh­ren, mit dem sie ver­schwand, wäh­rend ich die Fil­me auf den klapp­ri­gen Holz­stüh­len betrach­te­te. Ich habe nie getrun­ken oder geges­sen wäh­rend der Fil­me. Ich habe geschaut. Sie zeig­te mir Rit­wik Ghat­ak und ich hat­te nichts dazu zu schrei­ben. Sie zeig­te mir Tro­pi­cal Mala­dy von Apichat­pong Weer­a­set­ha­kul und ich hat­te nichts dazu zu schrei­ben. Nicht ein­mal den Titel woll­te ich notie­ren. Nor­ma­ler­wei­se hät­te mich allein der Tiger im Film in eine Rage ver­setzt, die ich zu Papier brin­gen müss­te, um sie zu über­win­den. Nach sol­chen Fil­men, die der­art direkt mit den Din­gen in uns spre­chen, die wir nor­ma­ler­wei­se ver­ber­gen oder gar ver­ges­sen, muss­te ich ein­fach schrei­ben, um sie noch ein wenig län­ger in mir zu spü­ren. Es mag komisch klin­gen, aber ich neh­me das bis heu­te als einen sexu­el­len Akt war. Sowohl das Sehen eines Films, als auch das Schrei­ben. Was ich mir in jenen Tagen abge­wöhn­te, weil ich die Fil­me ja meis­tens allein sah, war das Reden über die Fil­me. Ich hat­te nie ein Ver­lan­gen danach. Es fühlt sich heu­te noch an wie das Abzie­hen von Ten­nis­plät­zen nach den Spie­len. Ein Ver­wi­schen der Nar­ben, die der Film eigent­lich in mir hin­ter­las­sen hat. Lei­der rede ich heu­te die gan­ze Zeit. Es ist mir selbst nicht ganz ver­ständ­lich, war­um das For­mu­lie­ren im Schreib­pro­zess für mich das Gefühl der Fil­me auf­recht­erhält, wäh­rend das For­mu­lie­ren in einer Dis­kus­si­on genau die­ses Gefühl zer­stört. Es muss damit zu tun haben, dass ich in einer Dis­kus­si­on nicht allein bin, dass ich nicht etwas gefun­den habe, was nur mir gehört. Als ich eine Zeit lang Ten­nis spiel­te, sah ich mir die Spu­ren der Füße von mir und mei­nem Geg­ner nach den Spie­len immer genau an. Es war nur ein klei­ner Ten­nis­ver­ein auf dem Dorf. Ich konn­te nicht gut spie­len, ich konn­te nur gut dem Ball hin­ter­her lau­fen. Ich ver­such­te mir die Spu­ren ein­zu­prä­gen, als wür­den sie eine Geschich­te des Spiels erzäh­len. Es gelang mir nie. Ich woll­te mir nichts ein­prä­gen nach Tro­pi­cal Mala­dy. Und es wur­de noch schlim­mer, denn am fol­gen­den Tag, an dem mei­ne Tan­te mich bereits beim Früh­stück mit der gro­ßen Ankün­di­gung begrüß­te, dass ich heu­te mei­nen ers­ten Bres­son-Film sehen soll­te, lies mich die­se Aus­sicht völ­lig kalt. In mir wuchs ein Gedan­ke wie ein Geschwür: Das Kino kann doch nicht dein gan­zes Leben sein. Ich sag­te mei­ner Tan­te ziem­lich schnell, um mei­ne Ver­un­si­che­rung zu ver­ber­gen, dass ich heu­te Abend kei­ne Zeit hät­te, weil ich einen Schul­freund in der Stadt tref­fen wür­de. Sie hielt kurz inne, lächelt dann mit dem vor­ge­täusch­ten Wis­sen einer Frau, die ihr gan­zes Leben mit unbe­re­chen­ba­ren Män­nern ver­bracht hat­te und früh­stück­te wort­los wei­ter. Ich kann nicht sagen, dass es sich nicht befrei­end für mich ange­fühlt hat. Ich fühl­te mich ein wenig wie von einer Krank­heit geheilt.

Am Abend traf ich natür­lich kei­nen Freund. Nie­mand mei­ner Freun­de wäre in die­sem Ort erschie­nen. Ich spa­zier­te durch die Alt­stadt und das ein­zi­ge, was mir von die­sen zähen Stun­den in Erin­ne­rung geblie­ben ist, ist eine dicke schwar­ze Spin­ne, die über die alte Sta­tue einer nack­ten Frau kroch. Ich stell­te mir die­ses Bild in einem Film vor. Ich woll­te Men­schen tref­fen. Ich ent­deck­te eine Art rie­si­gen Spiel­platz, auf dem Jugend­li­che aus Holz klei­ne Hüt­ten bau­ten, es gab ein Lager­feu­er, Tisch­ten­nis­plat­ten und so wei­ter. Nach­dem ich mir das fast eine hal­be Stun­de ange­se­hen hat­te aus siche­rer Ent­fer­nung wag­te ich mich zu den Men­schen. Ich setz­te mich ein­fach zum Lager­feu­er. Nach einer wei­te­ren hal­ben Stun­de gab mir ein Jun­ge, des­sen Lip­pen ver­wach­sen waren, einen Spiel­zeug­re­vol­ver und von dort an war ich Mit­glied sei­nes Teams. Wir muss­ten das Fort der Fein­de erobern. Das Pro­blem: Die Fein­de hat­ten einen mäch­ti­gen Anfüh­rer, der sämt­li­che Mit­glie­der unse­res Teams gefan­gen nahm und angeb­lich in Käfi­ge unter der Erde sper­ren ließ. Es war ganz erstaun­lich, weil all die Kin­der und Jugend­li­chen akzep­tier­ten, dass die Schüs­se und Pis­to­len ech­te Wir­kung hat­ten. Ich sah Kin­der, die eine Stun­de auf dem Boden lagen, weil sie annah­men, dass sie tot oder schwer ver­letzt sei­en. Nie­mand wider­setz­te sich, wenn jemand ihn mit einer Waf­fe bedroh­te. Alles war echt. Man­che spiel­ten ihre Rol­le der­art über­zeu­gend, dass ich kurz Angst um ihre Gesund­heit hat­te. Ich selbst ent­wi­ckel­te einen Ehr­geiz für die­ses Spiel und ab einem gewis­sen Zeit­punkt war ich schwer am rech­ten Bein ver­letzt. Ich hink­te. Dann begann es zu reg­nen. Ein hef­ti­ges Gewit­ter, wie sie in die­ser Gegend äußerst sel­ten vor­kom­men. Ich wur­de in ein Laza­rett gebracht. Das Blut floss in die Erde. Im Laza­rett waren eini­ge Mäd­chen, die sich um uns Wes­tern­hel­den küm­mer­ten. Sie hat­ten sich alle­samt ihre Haa­re zu Zöp­fen gebun­den. Ich wur­de auf eine Holz­kis­te gelegt, ich höre noch heu­te die Schreie der ande­ren ver­wun­de­ten Cow­boys. Wir waren in einer klei­nen Hüt­te, von deren Dach das Was­ser plät­scher­te. Es don­ner­te, es blitz­te und dazwi­schen hör­te man Schüs­se. Die Frau­en wein­ten. Sie hat­ten sich gut orga­ni­siert und immer eine Frau war für einen Ver­letz­ten zustän­dig. Es muss in die­sem Moment gewe­sen sein, dass ich zum ers­ten Mal an die Brust einer gleich­alt­ri­gen Frau gedrückt wur­de. Sie schütz­te mich. Vor dem Regen, den Schreien.

Irgend­wann war ich ein Gefan­ge­ner. ich weiß nicht mehr wie es pas­siert ist. Ich muss­te mei­ne Waf­fe abge­ben. Ich sah den Anfüh­rer des Fein­des. Er schien gar nicht am Spiel teil­zu­neh­men. Er war nicht nass. Er war ein biss­chen älter als alle ande­ren. Er hat sich selbst für unver­wund­bar erklärt. Wäh­rend wir im Wil­den Wes­ten waren, spiel­te er mit sei­nem Game­boy und alle folg­ten ihm. Er war die Macht der Gleich­gül­tig­keit. Ich wur­de zu vie­len ande­ren Gefan­ge­nen unter die Erde gebracht. Sie hat­ten ein Gefäng­nis unter ihrem Fort ein­ge­rich­tet. Ein mat­schi­ger und küh­ler Ort. Die Gefan­ge­nen schmie­de­ten Plä­ne für die Flucht. Genau dann hör­te ich die Stim­me mei­ner Tan­te. Sie such­te mich, fand mich, pack­te mich und schlepp­te mich schließ­lich zum Auto, in dem ihr neu­er Freund mit lau­fen­dem Motor war­te­te. Als wir los­fah­ren woll­ten, kam der Jun­ge mit den ver­wach­se­nen Lip­pen und gab mir mei­nen Revol­ver. Sei­ne Augen schenk­ten mir das Lächeln, zu dem sei­ne Lip­pen nicht fähig waren. Mei­ne Tan­te sprach wäh­rend der Fahrt nicht. Ich spiel­te mit dem Revol­ver in mei­ner Hand. Der Schlamm sam­mel­te sich im Fuß­raum. Plötz­lich drück­te ich aus Ver­se­hen ab. Es gab einen lau­ten Knall. Wer schon ein­mal einen Spiel­zeug­re­vol­ver in einem geschlos­se­nen Auto abge­feu­ert hat, weiß was ich mei­ne. Das Blut mei­ner Tan­te spritz­te an die Scheiben.

Als ich Bres­son dann sah, hat­te ich wie­der kei­ne Reak­ti­on. Es war, als wür­de mich das Kino zu etwas ver­pflich­ten. Das unge­heu­re Frei­heits­ge­fühl, dass ich nor­ma­ler­wei­se damit ver­band, war ver­schwun­den. Ich sah nur noch Fil­me, um Fil­me zu sehen. Sie hat­ten kein Ver­hält­nis mehr zu mir, zum Leben, zu den Din­gen, die ich sonst so mach­te. Sie hat­ten auch kein Ver­hält­nis zu den ande­ren Fil­men und Erin­ne­run­gen in mei­nem Jour­nal. Es war eine Müdig­keit vor der Iso­la­ti­on, die die­se Welt in sich trägt. Nicht weil das Kino per se etwas abge­schlos­se­nes an sich hat, son­dern weil das Leben mit dem Kino wie eine stren­ge Ehe mit einer unver­hei­ra­te­ten Frau ist. Ich fühl­te mich abhän­gig von etwas, das sich vor mir ver­flüch­tig­te. Es konn­te so leicht zu einer Manie wer­den, in der ich die Kon­trol­le über mein Sehen und Füh­len ver­lor. Und so konn­te ich auch von einem auf den ande­ren Tag mei­ne Lust ver­lie­ren. Hin­zu kam, dass ich mich frag­te: War­um soll­te ich mehr sehen, wenn ich schon bei einem Film das Gefühl einer Unend­lich­keit hat­te? Ich hat­te Angst, dass ich nicht leben wür­de, wenn ich Fil­me sehe. ich kam mir vor wie ein Toter und mei­ne blas­se Haut war ein Indiz dafür, die Schreie der Nach­bars­kin­der im Swim­ming­pool auch und die Aben­de auf der Ter­ras­se fühl­te sich plötz­lich ein­sam an. Mei­ne Tan­te bemerk­te mei­ne zuneh­men­de Ent­frem­dung vor ihren gelieb­ten Scree­nings. Sie gab mir zu lesen. Ich habe in die­sen Tagen Tex­te von André Bazin, Ser­ge Daney und Gil­ber­to Perez gele­sen. Sie schrie­ben oft von den Din­gen, die ich kann­te. Ihr Ansatz war mit einem Feu­er beseelt. Das Unaus­drück­ba­re wur­de in ihrer Wahr­neh­mung zu Poe­sie. Sie haben es geschafft, die Gefüh­le fest­zu­hal­ten, weil sie hin­ter dem ein­zel­nen Film auch das Kino selbst ver­ste­hen woll­ten (und hin­ter dem Kino den ein­zel­nen Film). Ihre Tex­te sind wie die Fil­me. Dort wo ein Film einen Schat­ten setzt, fin­den sie ein Licht und dort wo er leuch­tet, fin­den sie einen Schat­ten. Daney hat von Schät­zen geschrie­ben, die er ber­gen wol­le. Es geht bei allen um Lie­be und Erin­ne­rung, um Geis­ter. Die­se Tex­te ani­mier­ten mich wie­der für das Kino. Nicht, um dar­über zu schrei­ben, son­dern um selbst zu filmen.

Mei­ne Tan­te gab mir eine 8mm-Kame­ra. Sie erklär­te mir alles und riet mir ein­fach aus­zu­pro­bie­ren. Im Jahr zuvor hat­te sie mir Remi­nis­cen­ces of a Jour­ney to Lithua­nia von Jonas Mekas gezeigt. Sie sagt mir, dass die­se Kame­ra sehr ähn­lich sei. In mei­nem Kopf spiel­te sich ein Film ab, der exakt gleich schmeck­te wie jener von Mekas. Der Geschmacks­sinn ist immer der letz­te, der von einem Film ver­schwin­det für mich. Manch­mal bleibt er für immer. Man kann ihn nicht abzie­hen wie die Spu­ren auf dem Ten­nis­platz. Ich woll­te den Fried­hof fil­men. Aus irgend­ei­nem Grund, der mit Man­oel de Oli­vei­ra zu tun haben muss­te, dach­te ich, dass ich even­tu­ell jeman­den zum Leben erwe­cken könn­te mit der Kame­ra. Ich film­te einen gan­zen Tag, es war schwül, ich schwitz­te, es war kaum aus­zu­hal­ten. Mehr und mehr film­te ich und mehr und mehr wur­de ich frus­triert. Ich wuss­te nicht, was ich fil­men konn­te, ich wuss­te nur, was ich fil­men woll­te. Ich woll­te Din­ge fil­men, die es nicht gab. Ich rich­te­te die Kame­ra auf Grä­ber, doch nichts pas­sier­te. es gab nicht ein­mal Wind in die­ser Hit­ze. Mei­ne Hän­de zit­ter­ten vom Hal­ten der Kame­ra, so sehr woll­te ich, dass etwas aus dem Boden kam oder nur ein Schat­ten durch das Bild kroch. Ich hat­te doch gese­hen, dass es die­se Din­ge gibt. Bei Drey­er habe ich sie gese­hen. Ich wuss­te doch, dass man Din­ge sehen kann, die es nicht gibt. Das Kino begann mich zu betrü­gen. Ich woll­te wirk­lich etwas sehen, aber es kam nicht. Das Kino blieb ganz gleich­gül­tig. Die Kame­ra war gleich­gül­tig, das Grab war gleich­gül­tig, die Hit­ze sowie­so. In mir reg­ten sich Trä­nen. Ich sag­te mir, dass es doch nicht zu viel sei, was ich wol­le. Ein­fach nur etwas fil­men, das glei­che Glück fin­den wie in den Fil­men. Als der Film voll war, dreh­te ich ihn zurück und film­te die glei­chen Din­ge. Ich hoff­te, dass durch Mehr­fach­be­lich­tung die Toten leben­dig wur­den. Ich dreh­te an die­sem Tag min­des­tens zehn­mal die glei­che Rol­le voll. Mei­ne Hän­de waren schwarz und rot. Am Abend kam ich auf die Ter­ras­se. Mei­ne Tan­te hat­te gekocht. Sie war sehr neu­gie­rig auf mei­nen Film, sie frag­te mich tau­send Fra­gen, aber es war mir egal. In den fol­gen­den Tagen oder Wochen, ich weiß nicht mehr genau, weil ich etwas krank wur­de wie so oft in der Hit­ze, ließ sie den Film bei einem alten Freund in der Stadt ent­wi­ckeln. Es war ein Mann, der einen klei­nen Foto­la­den führ­te, aber auch Film ent­wi­ckeln konn­te. Er hat­te immer Trä­nen in sei­nen Augen und rede­te sehr wenig. Sei­ne Hän­de haben mehr Fil­me berührt, als Fil­me sein Herz.

Gegen Ende des Som­mers zeig­te mir mei­ne Tan­te dann mei­nen Film. Sie setz­te sich zum ers­ten Mal neben mich ins Kino. Ich emp­fand nichts. Ich konn­te kaum etwas erken­nen. Weder sah ich die Anstren­gung, die Ver­zweif­lung, die Müdig­keit, die ich beim Dreh emp­fand, noch die Geis­ter, die ich mir vor­stell­te zu Sehen. Es waren ein­fach Bil­der, schlecht-kadrier­te Bil­der, die über­ein­an­der lagen. Nach dem Film sag­te mei­ne Tan­te zu mir, dass es ein wun­der­vol­ler Film über Geis­ter sei und die Unmög­lich­keit die­se zu sehen. Zuerst dach­te ich, dass sie das nur gesagt hat, weil sie mich glück­lich machen woll­te, dann aber wur­de mir klar, dass sie gar nicht wis­sen konn­te, dass ich genau danach such­te. Ich sag­te ihr, dass ich das alles nicht sehe in dem Film. Sie sag­te mir, dass es dar­um gin­ge. Ich wun­der­te mich. Sie fuhr sich wie so oft mit ihren zer­brech­li­chen Fin­ger durch die Locken, lächel­te und sag­te, dass wir vom Kino kei­ne Sicher­hei­ten bekom­men wür­den, kei­ne Klar­hei­ten, kei­ne Erklä­run­gen. Wirk­li­ches Kino sei ein wenig wie eine flir­ren­de Nacht. Man­ches sei da, ande­res nicht, alles sei prä­sent und sinn­lich, aber viel­leicht wäre es nur das Licht, das uns ver­führt. Gro­ßes Kino sei wie ein Kuss, der uns unwirk­lich scheint und genau­so ver­hal­te es sich mit der Lie­be zum Kino. Sie sag­te: „Cine­phi­lie ist eine Fik­ti­on. So wie jede Lie­be.“ Sie sag­te mir, dass ich nie­mals mei­nen eige­nen Film wür­de schme­cken kön­nen, sie sag­te mir, dass der Geschmack eines Films etwas ist, was man nicht auf­schrei­ben kön­ne, nicht festhalten.

An die­sem Tag habe ich mein schwar­zes Buch auf dem Fried­hof begra­ben. Dort liegt es wenigs­tens neben dem Kino, das man im Som­mer von Zeit zu Zeit noch hören kann. Stim­men drin­gen durch die Gebü­sche. Hen­ry Fon­da, Gene Tier­ney, Har­riet Anders­son, obwohl mei­ne Tan­te schon vor eini­gen Jah­ren gestor­ben ist und neben oder mit dem Buch auf dem Fried­hof liegt. Seit die­sen Tagen reagie­re ich gleich­gül­tig auf Fil­me, um dar­über schrei­ben zu kön­nen, um sie machen zu kön­nen. Mei­ne Müdig­keit hat nicht auf­ge­hört. Sie hat sich in Ego­is­mus und Ehr­geiz ver­wan­delt. Es ist der Zynis­mus eines dum­men Men­schen, der weiß, dass alles nur eine Illu­si­on ist. Wenn es mir scheint, als wür­de ich etwas emp­fin­den, ist es meist nur das Ver­lan­gen nach der Emp­fin­dung, nicht das wirk­li­che Gefühl. Wenn ich glau­be, dass ein Film in mir eine Dring­lich­keit aus­löst, die mich wie­der auf die Ter­ras­se mei­ner Tan­te ver­setzt, dann ist das nur die Trau­er über ihr Ver­schwin­den. Manch­mal träu­me ich vom Kino. Doch sobald ich auf­wa­che ist da nur mein Anren­nen, um irgend­wie mit dem Kino zu leben.