Der Film­dienst hat eine Replik des Cut­ters Henk Drees auf mei­nen vor eini­gen Mona­ten bei ihnen ver­öf­fent­lich­ten Essay zu The Zone of Inte­rest ver­öf­fent­licht. Der Autor nimmt man­che mei­ner Argu­men­te und ver­kürzt sie stark bezie­hungs­wei­se ver­steht sie in sei­nem eige­nen Kon­text. Mit man­chen hat er sicher auch recht bezie­hungs­wei­se beleuch­tet er blin­de Fle­cken mei­nes Den­kens oder Schrei­bens. Ins­ge­samt fin­de ich aber, dass er die eigent­li­chen Aspek­te mei­nes Tex­tes igno­riert, um anhand von fal­schen oder aus dem Kon­text geris­se­nen Zita­ten eige­ne Argu­men­te aufzubauen.

Hier der Text: Ausch­witz erzählen

Zu eini­gen Punk­ten möch­te ich Stel­lung bezie­hen. Ich habe in den letz­ten Mona­ten auch immer mal wie­der an The Zone of Inte­rest gedacht und mich gefragt, ob mein Zugang nicht ein biss­chen streng, zu wider­bors­tig war. Ich glau­be, dass mein Text sich zu glei­chen Tei­len aus einem ana­ly­ti­schen Her­an­tas­ten und einem per­sön­li­chen Emp­fin­den nach einem Besuch in Maut­hau­sen speist und dass es auf die­ser schma­len Linie schwie­rig ist, die Balan­ce zu hal­ten. Ich hal­te den Film nach wie vor für nicht beson­ders gut, aber ich bür­de ihm viel Gewicht auf im Text und ich habe sicher­lich ver­passt, eini­ge gute fik­tio­na­le Gegen­bei­spie­le zu nen­nen, die es für mich gibt. Ich glau­be auch, dass es eine gene­rel­le Ehr­furcht vor halb­wegs intel­li­gen­ten Zugän­gen zu wich­ti­gen The­men gibt in der Film­kri­tik, gera­de wenn sie durch soge­nann­te Aktua­li­tät auf­ge­la­den wer­den, und es mag sein, dass ich unbe­wusst auch dage­gen argu­men­tiert habe im Text.

Aber es gibt eini­ges, das ich so nicht ste­hen­las­sen kann:

Gera­de­zu uner­hört ist, dass der Autor als eine mei­ner Haupt­the­sen das «wirk­li­che Ver­ste­hen» nennt. Ich wür­de angeb­lich behaup­ten, es gäbe ein „wirk­li­ches Ver­ste­hen“ und der Ansatz des Films ver­hin­de­re dies. Das habe ich aber nicht so for­mu­liert, son­dern das „wirk­li­che Ver­ste­hen“ ent­springt dem vom Film­dienst selbst for­mu­lier­ten Auf­hän­ger­satz. Das ist schon eini­ger­ma­ßen absurd, wenn die sel­be Publi­ka­ti­on dann dazu eine Gegen­re­de bringt. Ich habe die Redak­ti­on inzwi­schen gebe­ten, dass im neu erschie­ne­nen Text aus­zu­bes­sern. Außer­dem gibt es noch ein „rich­ti­ges Ver­ste­hen“ bei einem Zitat von Mar­tin Amis. Ich schrei­be: „Weil der Holo­caust längst, wie von Ker­té­sz befürch­tet, ein Pro­dukt der Illu­si­ons­kul­tur gewor­den ist, einer Kul­tur also, die das Ver­ste­hen, Sehen und Füh­len ver­hin­dert und die sich nur noch Abs­trak­tes vor­stel­len kann auf der ande­ren Sei­te der Mau­er.“ Das ist sogar nur indi­rekt gegen den Film gewen­det und zielt auf das grö­ße­re Argu­ment, das ich im Essay aus­zu­füh­ren ver­su­che. The Zone of Inte­rest ist in die­ser Linie nur ein Bei­spiel und ich ver­su­che dar­zu­le­gen, inwie­fern er das ist, auch wenn sei­ne gewähl­ten Mit­tel ihn zunächst anders erschei­nen lassen.

Dass ich auf­grund mei­ner Zwei­fel an den nar­ra­ti­ven Stra­te­gien des Films vom Autor in eine Ecke mit der bekann­ten Ador­no-Skep­sis über die Poe­sie nach dem Holo­caust gebracht wer­de, ist mir schon etwas unge­heu­er­lich. Der Autor ver­wech­selt schlicht Fik­ti­on und his­to­ri­sche Reprä­sen­ta­ti­on, Erzäh­lung mit Illu­si­on. Außer­dem gehe ich ja selbst dar­auf ein im Text, wenn ich schrei­be: „Auf die bekann­te Fra­ge, ob Fik­ti­on über­haupt die rich­ti­ge Metho­de ist, um sich dem Holo­caust anzu­nä­hern, ant­wor­te­te Amis, dass es im Sin­ne der Nazis gewe­sen wäre, Autoren und Lyri­ker zu ver­nich­ten. Es wäre das Recht des Schrift­stel­lers, sich dem zu wider­set­zen. Die­se Fra­gen wer­den wie­der und wie­der dis­ku­tiert, aber sie stel­len sich noch ein­mal neu, wenn kaum noch jemand lebt, der oder die das alles erlebt hat oder erle­ben muss­te, der oder die doku­men­tiert wer­den kann. Dann näm­lich blei­ben nur Fik­ti­on und das Wie­der­ho­len bereits exis­tie­ren­der Doku­men­te. Letz­te­re sind bekannt­lich oft von Nazis her­ge­stellt wor­den, müs­sen also dies­be­züg­lich erst auf­ge­ar­bei­tet wer­den.“ Ich schrei­be also dezi­diert, dass Fik­ti­on eine der blei­ben­den Metho­den ist, sich dem The­ma zu nähern. Ich hin­ter­fra­ge die Mit­tel, die zur Rekon­struk­ti­on von Geschich­te her­an­ge­zo­gen wer­den aus heu­ti­ger Sicht, aus einer bestimm­ten im Text geschil­der­ten Ohn­macht her­aus. Wer den Argu­men­ten wider­spre­chen will, was ich gut fin­de, soll­te sie auch ernst neh­men. Ich stel­le in mei­nem Text fest, dass sich am Ende der Zeit­zeu­gin­nen­schaft womög­lich neue Fra­gen an die Reprä­sen­ta­ti­on stel­len. Ich fra­ge mich, ob Rekon­struk­ti­on sicht­ba­rer gemacht wer­den müss­te, was kein Wider­spruch zur Fik­ti­on ist. Ich wer­te das. Man kann die­ser Wer­tung natür­lich wider­spre­chen. Ich mache das selbst die gan­ze Zeit, wenn ich gera­de nichts Bes­se­res zu tun habe. Aber ich kann die­sen Gedan­ken in einer sol­chen Replik nicht in einen unhalt­ba­ren his­to­ri­schen Ver­gleich bringen.

Dass der Autor bemerkt, man sol­le offen für das Expe­ri­ment in Reprä­sen­ta­ti­ons­fra­gen sein, ist ja das, was ich dem unter ande­rem Film vor­wer­fe, das er sich näm­lich zu sehr absi­chert (gera­de im Ver­gleich zum Roman) und in die­ser Absi­che­rung letzt­lich ähn­li­che Stra­te­gien wählt wie ande­re Fil­me auch: Er umschifft Reprä­sen­ta­ti­on, indem er eine schein­bar ande­re Form der Reprä­sen­ta­ti­on fin­det. Die­ser wer­fe ich im Text vor, dass sie gar nicht so anders ist, wenn ich schrei­be: „Der Holo­caust als intel­lek­tu­el­les Spiel­feld für Men­schen, die nur noch auf ande­re Reprä­sen­ta­tio­nen, nicht aber auf die eigent­li­chen Ereig­nis­se reagie­ren.“ Für den Autor ist das nicht so, kann man so sehen, aber das ist ja nicht der Punkt sei­nes Wider­spruchs. Ich stel­le in mei­nem Text in der reprä­sen­ta­ti­ven Arbeit an der Ton­spur eine Par­al­le­le zur bild­li­chen Arbeit fest und das Gegen­ar­gu­ment ist schlicht: Bild und Ton sind nicht gleich­zu­set­zen, sie wir­ken völ­lig unter­schied­lich. Ich kann nur noch­mal beto­nen: Wenn man im Ton nach­baut, ist das nicht so ver­schie­den von der bild­li­chen Rekon­struk­ti­on. Bei­des schafft eine Illu­si­on basie­rend auf his­to­ri­scher Recher­che. Es geht mir hier nicht um eine Onto­lo­gie son­dern um eine sich in die Arbeits­wei­se ein­ge­schrie­be­ne Hal­tung der Fil­me­ma­cher. Dass es unter­schied­lich wirkt, wenn man etwas nur hört oder sieht, ver­steht eine Kat­ze vor einem Fern­se­her. Dem ein­ge­schrie­ben, ist bei mir auch eine Kri­tik an der Bild­be­ses­sen­heit der Kri­tik, die alles, was nicht im Bild ist, fast als nicht-fil­misch begreift. Es stimmt, dar­über lässt sich strei­ten. Viel­leicht ist die Erzäh­lung über die Ton­ebe­ne tat­säch­lich ein gelun­ge­ner Kniff. Dass es ein Kniff ist, dar­auf bestehe ich aber. Wie Lukas Foers­ter in sei­ner eben­falls beim Film­dienst erschie­ne­nen Rezen­si­on geschrie­ben hat: „Aber ist „The Zone of Inte­rest“ des­halb bereits mehr als eine Anein­an­der­rei­hung fein gedrech­sel­ter Kabi­nett­stück­chen? Mehr als eine Serie von die Geschmacks­gren­zen der Art­house-Bild­spra­che stets respek­tie­ren­den Wahr­neh­mungs­pa­ra­do­xien, die letzt­lich nicht hin­aus­füh­ren über eine wohl­fei­le, ästhe­tisch ver­bräm­te Angstlust?“

Außer­dem stört mich sehr, dass ich ein per­sön­li­ches und, so glau­be ich, gene­ra­tio­nel­les Erle­ben der sich ein­stel­len­den Gleich­gül­tig­keit vor bestimm­ten Bild- und Nar­ra­ti­ons­ty­pen schil­de­re, den «Ver­lust der Erin­ne­rung in der Gesell­schaft», das aber in der Replik so aus­sieht, als wür­de ich das dem ein­zel­nen Bild/​Film vor­wer­fen. Der Text basiert auf einem Besuch in Maut­hau­sen und dem Erle­ben des Films, dem Gefühl, dass da etwas ver­lo­ren­geht und dass die­ses Ver­lo­ren­ge­hen­de viel­leicht ande­re For­men des Erzäh­lens bräuch­te. Daher rührt auch die Skep­sis gegen­über die­ser Art von Film. Das erkennt die Replik an einer Stel­le, an einer ande­ren igno­riert sie es. Das hat auch nichts mit Schindler’s List zu tun (wie kann man über­haupt einen film­kri­ti­schen Text wider­le­gen, indem man die Erfah­rung eines Betrof­fe­nen mit dem Film dage­gen­stellt? Sol­len nur noch Betrof­fe­ne Fil­me bewer­ten? Zumal Schindler’s List ja gar nicht genannt wird in mei­nem ursprüng­li­chen Text.), den der Autor in den übli­chen, film­fer­nen Regis­tern erret­ten will. 

Ich habe wirk­lich nichts ein­zu­wen­den gegen die Publi­ka­ti­on eines Tex­tes, der The Zone of Inte­rest ver­tei­digt. Da sich der Autor aber all­zu sehr an mei­nen Argu­men­ten abar­bei­tet (die ich gar nicht als so mehr­heits­fä­hig wahr­ge­nom­men habe, dass sie für irgend­ei­ne Ten­denz in der Kri­tik stün­den), muss­te ich mich hier kurz erklären. 

Hier noch mei­ne ande­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Film, die selt­sa­mer­wei­se auch nicht genannt wer­den, viel­leicht endet die sich am Film ent­zün­den­de Kri­tik, wie es im Ankün­di­gungs­text auf der Sei­te heißt, auf der eige­nen Sei­te. So oder so soll­te sie nicht bei einem Autor ver­har­ren, auch wenn er zu die­sem The­ma wahr­lich mehr als genug gesagt hat.

Per­len­tau­cher
CUTS