Ein Reiher hockte regungslos auf einer Dalbe im Zuger See. Mit seinem herabhängendem Federkleid sah er aus, als wären ihm dieser sonnendurchflutete Herbsttag und die deshalb in Scharen entlang der Uferpromenade wandelnden Menschen zuwider. Im Gegensatz zu uns schien er auch das Geschrei der Papageien zu ignorieren, die sich in den entlang des Ufers aufgestellten, schwarzvergitterten Volieren aus dem 19. Jahrhundert tummelten. Du hast nicht begreifen können, dass es sowas heute noch gibt, hast dich gar nicht mehr auf das Seepanorama einlassen können, sondern nur den Kopf geschüttelt über eine Gesellschaft, die glaubt, es wäre angebracht, Vögel einzusperren.
Wir standen vor den Käfigen. Eine zeitlang beobachtete ich einen Balistar, dessen schriller Gesang in der Landschaft vor dem Zaungitter auf keinerlei Widerhall stieß. Seine Laute hafteten sich an nichts in der milchigen Konsistenz, die über dem See hing. Sie prallten ab am Gemurmel der morgendlichen Spaziergänger. Sie waren nur in diesem Käfig, als Geräuschkulisse, die eben dazugehört und die eigentlich nichts bedeutet für das Leben an diesem See. Ich frage mich, ob die Heimatverdrängten unter den Vögeln eine ähnliche Beziehung zu ihrer Sprache aufbauen wie die Menschen, die dort leben müssen, wo sie niemand versteht. Singt dieser Balistar beispielsweise für sich selbst, einfach um sich an Bali zu erinnern oder an seine Kindheit? Wenn er überhaupt je dort war, dachtest du laut, als wir einen Mann bemerkten, der den Reiher fotografierte.
Mir fielen die Möwen auf, die frei umherfliegen durften am See. Sie gaben sich nicht zufrieden mit der Aussicht. Sie tauchten ein. Vielleicht ist das der Unterschied und überhaupt der ganze Grund für unsere Verbrechen, sagtest du bedeutungsschwer. Wir wollen alles so anrichten, dass wir es betrachten können. Wir wollen alles fotografieren. Wir denken Schönheit ist eine Frage des haftenden Blicks. Was der Balistar wohl denkt über diesen weißen Vogel, papyrusweiß wie er selbst, der dort vor den Gitterstängen umherfliegt?, fragte ich mich. Ich wollte mir vorstellen, dass er die Aussicht schön fand – genau wie der Reiher – einzig, es gelang mir nicht.

