Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Zuger Kassiber: Volieren

Ein Rei­her hock­te regungs­los auf einer Dal­be im Zuger See. Mit sei­nem her­ab­hän­gen­dem Feder­kleid sah er aus, als wären ihm die­ser son­nen­durch­flu­te­te Herbst­tag und die des­halb in Scha­ren ent­lang der Ufer­pro­me­na­de wan­deln­den Men­schen zuwi­der. Im Gegen­satz zu uns schien er auch das Geschrei der Papa­gei­en zu igno­rie­ren, die sich in den ent­lang des Ufers auf­ge­stell­ten, schwarz­ver­git­ter­ten Volie­ren aus dem 19. Jahr­hun­dert tum­mel­ten. Du hast nicht begrei­fen kön­nen, dass es sowas heu­te noch gibt, hast dich gar nicht mehr auf das See­pan­ora­ma ein­las­sen kön­nen, son­dern nur den Kopf geschüt­telt über eine Gesell­schaft, die glaubt, es wäre ange­bracht, Vögel einzusperren.

Wir stan­den vor den Käfi­gen. Eine zeit­lang beob­ach­te­te ich einen Bali­star, des­sen schril­ler Gesang in der Land­schaft vor dem Zaun­git­ter auf kei­ner­lei Wider­hall stieß. Sei­ne Lau­te haf­te­ten sich an nichts in der mil­chi­gen Kon­sis­tenz, die über dem See hing. Sie prall­ten ab am Gemur­mel der mor­gend­li­chen Spa­zier­gän­ger. Sie waren nur in die­sem Käfig, als Geräusch­ku­lis­se, die eben dazu­ge­hört und die eigent­lich nichts bedeu­tet für das Leben an die­sem See. Ich fra­ge mich, ob die Hei­mat­ver­dräng­ten unter den Vögeln eine ähn­li­che Bezie­hung zu ihrer Spra­che auf­bau­en wie die Men­schen, die dort leben müs­sen, wo sie nie­mand ver­steht. Singt die­ser Bali­star bei­spiels­wei­se für sich selbst, ein­fach um sich an Bali zu erin­nern oder an sei­ne Kind­heit? Wenn er über­haupt je dort war, dach­test du laut, als wir einen Mann bemerk­ten, der den Rei­her fotografierte.

Mir fie­len die Möwen auf, die frei umher­flie­gen durf­ten am See. Sie gaben sich nicht zufrie­den mit der Aus­sicht. Sie tauch­ten ein. Viel­leicht ist das der Unter­schied und über­haupt der gan­ze Grund für unse­re Ver­bre­chen, sag­test du bedeu­tungs­schwer. Wir wol­len alles so anrich­ten, dass wir es betrach­ten kön­nen. Wir wol­len alles foto­gra­fie­ren. Wir den­ken Schön­heit ist eine Fra­ge des haf­ten­den Blicks. Was der Bali­star wohl denkt über die­sen wei­ßen Vogel, papy­rus­weiß wie er selbst, der dort vor den Git­ter­stän­gen umher­fliegt?, frag­te ich mich. Ich woll­te mir vor­stel­len, dass er die Aus­sicht schön fand – genau wie der Rei­her – ein­zig, es gelang mir nicht.