In Paris sitzt man in den Cafés und Bras­se­ri­en wie im Kino. Sei­te an Sei­te blickt man gera­de­aus und schaut. Man schaut vor sich hin, bis man etwas oder jeman­den erblickt und sich dar­auf fokus­siert, bis es vor­über ist. Schnit­te pas­sie­ren nur, wenn man von der Per­son, die einen mit Geträn­ken ver­sorgt, unter­bro­chen wird. Oder vom neu­gie­ri­gen Hund der Nach­ba­rin, oder dem Ruf eines ande­ren Gas­tes nach l’addition. S’il vous plaît. Wenn man dann den Kopf wie­der nach vor­ne dreht, haben sich schon neue Passant*innen und Fahr­zeu­ge in die Ein­stel­lung hin­ein­ge­drängt. Die run­den Tisch­chen mei­ner Bras­se­rie an einem Diens­tag­nach­mit­tag im April ste­hen am Geh­steig im Frei­en und unter einem Glas­haus, durch das die Son­nen­strah­len scharf auf die Haut bren­nen. Ein ange­neh­mes Pri­ckeln ent­steht auf der sonst von der Früh­lings­luft leicht unter­kühl­ten Haut. Nach lan­gem Spa­zie­ren durch die dicht gefüll­ten Gas­sen im Quar­tier Latin, lan­de­te ich leicht abseits davon, auf einem Bou­le­vard im sechs­ten Arron­dis­se­ment. Sieb­zehn Jah­re war ich nicht in Paris, genau die Hälf­te mei­nes Lebens und kei­ne der Erin­ne­run­gen pass­te zu dem, was ich jetzt sah. Ich hät­te genau­so gut in einer ande­ren fran­zö­si­schen Stadt sein kön­nen, damals. Aber ich ging auch an ande­re Orte. Nun addier­te ich also zu den alten Bil­dern neue, neue Gerü­che, Gesprä­che, Men­schen, Märk­te, Plät­ze, Kinos. 

Vor mei­nem Spa­zier­gang hat­te ich das Ciné­ma Le Cham­po besucht, da es dort mit­tags einen Film in eng­li­scher Ori­gi­nal­ver­si­on spiel­te – The Lady from Shang­hai. Ob Clau­de Chab­rol Orson Wel­les’ Film wohl auch im Le Cham­po gese­hen hat­te? Er soll das klei­ne Art déco Licht­spiel­thea­ter jeden­falls gern besucht haben. Viel­leicht also ein guter Start für mein zwei­tes Pari­ser Kino­er­leb­nis (nach dem kol­lek­tiv geführ­ten, gemein­nüt­zi­gen La Clef zwei Tage zuvor).Um 11:45 Uhr war­te­ten vor dem Ein­gang bereits eini­ge Men­schen lose ver­streut, vor­wie­gend älte­re Män­ner und eine ein­zel­ne jün­ge­re Besu­che­rin. Die meis­ten von ihnen stell­ten sich für Ger­ry von Gus van Sant an, wäh­rend ich fünf­zehn Minu­ten spä­ter mit nur fünf Per­so­nen mein Film Noir-Erleb­nis teil­te. Der Mann im höl­zer­nen Ticket­häus­chen ant­wor­te­te trotz mei­ner sprach­li­chen Unbe­hol­fen­heit unent­wegt auf Fran­zö­sisch, agier­te unter sei­ner gekrümm­ten Hal­tung schnell und deu­te­te auf den klei­nen Saal. Als ich in die genau ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung ging, um vor der Tür noch­mal nach der Pari­ser Son­ne zu schau­en, rief er mir hin­ter­her, um noch­mal auf Saal 2 zu deu­ten. Ich hielt den Dau­men lächelnd hoch und sein stren­ger Blick blieb unver­än­dert. Als ich fünf Minu­ten spä­ter die Schwing­tür anstieß, ent­schul­dig­te er sich mit ver­stei­ner­ter Mie­ne und ich lächel­te wie­der. Wir miss­ver­stan­den uns und trotz­dem hat­te ich das Gefühl, wir fan­den ein Einverständnis. 

Orson Wel­les und Rita Hay­worth führ­ten mich wie­der in die USA, in San Fran­cis­cos Welt der üblen Machen­schaf­ten und kri­mi­nel­len Tricks. Ich war­te­te auf die Ein­stel­lung der im Lie­gen sin­gen­den Hay­worth, deren visu­ell insze­nier­te pas­si­ve Unter­ge­ben­heit sich als Täu­schung ihrer Hand­lun­gen her­aus­stellt. Sie hält die Fäden letzt­lich in der Hand, auch wenn es sie den Kra­gen kos­tet. La Femme Fata­le. Als ich mich nach dem Ende des Abspanns aus mei­ner Rei­he beweg­te, sprach mich ein älte­rer Herr an, um mich nach mei­nem Ein­druck zum Film zu fra­gen. „How did you like the movie?“ Mögen, nicht mögen, irgend­was dazwi­schen. Ich fühl­te mich über­rum­pelt. Dafür, dass mich Ver­fol­gungs­jag­den im Kino noch nie son­der­lich inter­es­siert haben, beein­druck­te mich die Spie­gel­ka­bi­nett­sze­ne groß auf der Lein­wand in die­sem zwar klei­nen Kino doch sehr. Rita Hay­worth, Orson Wel­les und Ever­ett Slo­ane sind in ihrem Show­down von Spie­geln umge­ben, die jeg­li­che Ori­en­tie­rung unmög­lich wer­den las­sen. Ob die Pis­to­le ihr Ziel trifft, macht erst das Zer­bre­chen des Gla­ses sicht­bar. Ich schwärm­te über die­se Momen­te und schon stimm­te er mir zu und rück­te mit der Wahr­heit her­aus: Es sei sein Lieb­lings­film. Er habe ihn schon fünf­zig Mal gese­hen, sag­te er mit einer gro­ßen Selbst­ver­ständ­lich­keit. Hät­te er es ertra­gen, wenn ich mich abschät­zig geäu­ßert hät­te? Er sei wie ich Tou­rist und blick­te fast ent­schul­di­gend drein, als er mei­ne Fra­ge beant­wor­te­te – aus den USA käme er. Woher dort, frag­te ich. Aus Ohio. Ach, da war ich noch nicht, sag­te ich und erneut schau­te er leicht beschämt – was sol­le man dort auch. Dem hat­te ich aus Unwis­sen nichts ent­ge­gen­zu­set­zen. Ich ver­ab­schie­de­te mich wohl­wol­lend und trat mei­nen Spa­zier­gang an, der in der Bras­sie­re enden soll­te. Wie erfül­lend muss es sein, einen so popu­lä­ren Lieb­lings­film zu haben. Man kann wahr­schein­lich über­all auf der Welt Kinos fin­den, in denen er läuft und sich dann wie zuhau­se fühlen.