Zwischen Trümmerrealismus und Restfleisch

Eine Wan­de­rung vom ita­lie­ni­schen Nach­kriegs­film zum Kannibalenzyklus

von Flo­ri­an Weigl

Ein Text, der geschei­tert ist. Weil ich zu gut geblufft habe und unge­guckt einen Text ver­sprach, der ver­sucht die Land­schaf­ten des ita­lie­ni­schen Nach­kriegs­ki­nos und des Kan­ni­bal­en­zy­klus gegen­über­zu­stel­len. Nur gibt es bei letz­te­rem kei­ne Plu­ra­li­tät. Die Bil­der der Land­schaf­ten in den Nach­kriegs­fil­men sind prä­zi­se und span­nungs­reich, sie kämp­fen sich durch die poli­ti­schen Visio­nen, die man für Ita­li­en hat­te. Die Dschun­gel­ent­wür­fe der Kan­ni­ba­len­fil­me glei­chen sich hin­ge­gen an das gesell­schaft­li­che Kli­ma an. Was die Fil­me unter­ein­an­der macht, beginnt und endet in der Wahl und Qua­li­tät der Perü­cken, die den indi­ge­nen Völ­kern auf­ge­zo­gen wer­den. Das, was ich an Explo­ita­ti­on schät­ze – die Pro­duk­ti­ons­wut, das blan­ke Tot­dre­hen eines Sujets, bis sich ein neu­es eröff­net, die Per­for­man­ces und Eigen­hei­ten, die durch die Gleich­heit sto­ßen –, nutzt sich hier schnell ab.

Im Nach­kriegs­ki­no steckt eine Nähe und Lie­be zu dem Weni­gen, was Ita­li­en nach dem Krieg bleibt. Der Kan­ni­ba­len­film ver­schwen­det gan­ze Kon­ti­nen­te an sei­ner euro­päi­schen Arro­ganz. Was von die­sem Text vor allem bleibt, ist die per­sön­li­che Annä­he­rung an das Kino – skiz­zen­haft und von Film zu Film, Stadt zu Stadt und Dschun­gel zu Dschun­gel. Immer wan­dernd, immer suchend.

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Das, was das ita­lie­ni­sche Nach­kriegs­ki­no der ita­lie­ni­schen Lin­ken vor allem schenk­te, war die ideo­lo­gi­sche Gewiss­heit, gewon­nen zu haben. Rober­to Ros­sel­li­nis Roma cit­tà aper­ta spielt vor allem in Innen­räu­men und auf Wand­kar­ten. Die eine Kar­te arbei­tet für ein frei­es Rom, die ande­re für die Domi­nanz der Her­ren­ras­se. Was von der Stadt zu sehen bleibt, sind Aus­schnit­te, die Pier Pao­lo Paso­li­ni spä­ter in Accat­to­ne aus­for­men wird: Die engen Gas­sen und Hin­ter­hö­fe, die Wei­te der Außen­be­zir­ke, die noch nicht vom Kern ver­ein­nahmt wurden.

In Ladri di bici­c­lette weicht Vitto­rio De Sica die Här­te der Bil­dern auf, macht sie publi­kums­wirk­sa­mer. Die Rou­te Anto­ni­os (Lam­ber­to Mag­giora­ni) ist von Ver­zweif­lung und Glück zugleich gezeich­net. Sie führt vom Tat­ort in der Via Fran­ces­co Crispi, zu den Märk­ten auf dem Piaz­za Vitto­rio und dem Piaz­za di Por­ta Por­te­se. Die Spur führt wei­ter in die Kir­che San­ti Nereo e Achil­leo und schließ­lich bis in die Via de Pani­co, in der Anto­nio den Dieb zwar stel­len, aber nicht über­füh­ren kann und von den Bewoh­nern am Ende ver­trie­ben wird. Auf der Kar­te ergibt die Rou­te kei­nen Sinn. De Sica mei­det bewusst die tou­ris­ti­schen Gegen­den (und Attrak­tio­nen). Rom bleibt dabei eng: Schma­le vico­li, in denen Män­ner sich anein­an­der­drän­gen und brei­te cor­si, auf denen man fast von Autos erfasst wird. Wenn es wie in den Vor­or­ten oder am Stadt­rand Platz gibt, wird gebaut. Die Stadt wächst nach dem Krieg in die Höhe, sta­pelt neue Woh­nun­gen. Ganz gleich, ob die Men­schen ihre Mie­ten nicht bezah­len können.

Dage­gen blickt Ros­sel­li­ni in die Wei­te, er reist mit Paisà über das Land. Sizi­li­en ist Stein, Lava und Was­ser. Die Alli­ier­ten lan­den an der Küs­te, aber die Ein­woh­ner blei­ben miss­trau­isch. Cha­rak­te­re defi­nie­ren sich durch ihre räum­li­chen und kul­tu­rel­len Distan­zen, was sich beson­ders an dem italo­ame­ri­ka­ni­schen GI erken­nen lässt. Die Mut­ter ist US-Ame­ri­ka­ne­rin, der Vater ist ein Sizi­lia­ner aus Gela, doch sei­ne ita­lie­ni­sche Iden­ti­tät wird sofort ange­foch­ten. Ob Gela über­haupt exis­tiert?, fragt einer der Ein­woh­ner. – „Gela!“, hört einer der Dorf­äl­te­ren und springt ins Bild, „Ich bin eben­falls aus Gela!“. Zu sei­ner Ver­tei­di­gung benutzt der italo­ame­ri­ka­ni­sche GI fast unbe­wusst sei­ne Hän­de, schiebt sie von unten ins Bild und drückt sie sanft aber ste­tig for­dernd nach oben.

In der Nea­pel-Epi­so­de ver­han­deln Kin­der über die Besitz­tü­mer und den Kör­per eines Schwar­zen GIs, der als Kriegs­po­li­zist die Stadt patrouil­liert. Es ent­wi­ckelt sich zuerst ein Duett, das sich durch die zer­bomb­te Stadt manö­vriert. Man strei­tet und zofft sich und fin­det schließ­lich auf dem Trüm­mer­hau­fen zusam­men. Joe (Dots John­son) spielt Mund­har­mo­ni­ka und träumt von der Wall Street, die ein­mal ihm gehö­ren wird. Pas­qua­le (Alfon­si­no Bovi­no) will Schu­he ver­kau­fen. Die Kame­ra berich­tet mehr, als das sie zeigt. Gegen Ende des Tages erkun­digt Joe sich nach den Eltern und das Kind wird still. Er bringt ihn zu einem Stein­bruch in Mer­gel­li­na, der zur Woh­nung für alle Obdach­lo­sen und Kriegs­wai­sen gewor­den ist. Über­wäl­tigt und erschro­cken von der Armut bricht er auf und lässt das Kind zurück.

Sen­za pie­tà! von Alber­to Lattuada:Auch hier steht die Bezie­hung einer Ita­lie­ne­rin mit einem Schwar­zen GI (John Kitz­mil­ler) im Fokus. Der GI ist flir­ty und inter­es­siert – on a good time, Ange­la (Car­la Del Pog­gio) gedank­lich vor allem auf der Suche nach ihrem Bru­der und gefan­gen in dro­hen­der Armut. Die Apart­ments sind über­füll­te Zweck­ge­mein­schaf­ten. Man zankt und keift über die Pas­ta hin­weg, aber alles locker und komö­di­an­tisch insze­niert. Außer­halb des Apart­ments wird der Film zum Noir. Die Besitz­ver­hält­nis­se zei­gen sich an der Gar­de­ro­be. Der Gangs­ter mit beschmutz­tem Geld aber wei­ßem Anzug, Ange­la im immer­glei­chen, schlich­ten Kleid. Men­schen gehen unschul­dig ins Gefäng­nis und bre­chen wie­der aus. Das ein­zi­ge glück­li­che Ende neben den ande­ren Enden ist hier ein kar­ges Boot mit der Hoff­nung auf Ame­ri­ka. Der Strand ist genau­so nackt und trost­los wie die Stadt­rui­nen bei Rossellini.

Kitz­mil­ler blieb nach sei­nem Mili­tär­dienst in Ita­li­en und wur­de Teil der Film­in­dus­trie. Er debü­tier­te in Lui­gi Zam­pas Vive­re in pace, einem Dorf­pan­ora­ma­film, rea­li­siert kurz vor dem Ende des Krie­ges. Der Blick auf die Natur bleibt bewusst naiv. So soll sie gegen­über dem Faschis­mus den Bau­ern Zuflucht spen­den. Am Ende des Films ver­ste­cken Sie sich in den Ber­gen und war­ten wie Scha­fe. Zam­pa eröff­net mit einem dyna­mi­schen Schwenk durch die ein­zi­ge Stra­ße des Dor­fes: Schu­le neben Kir­che neben Ein­kaufs­la­den. Alles ist mit­ein­an­der ver­wo­ben und kein Gebäu­de liegt in Trüm­mern, wie es in den Stadt­sze­nen von Paisà zu sehen ist. Der Schein des Sets trügt. Wie in Roma cit­tà aper­ta ver­han­delt Aldo Fabriz­zi mit allem und jedem: Er beher­bergt zwei GIs, eine Wai­se und einen Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, er ist sowohl mit dem par­ti­sa­nen­na­hen Arzt, dem kol­la­bo­rie­ren­den Bür­ger­meis­ter und dem sta­tio­nier­ten SS-Offi­zier ver­ban­delt. Feind­schaf­ten sol­len begra­ben und der Krieg für been­det erklärt werden.

Die wirt­schaft­li­che und sozia­le Umstel­lung nach dem Krieg ist immer auch eine Sys­tem­fra­ge. In Fran­ces­co De Rober­tis La vita sem­pli­ce kämpft in Vene­dig eine klei­ne, fami­li­en­ge­führ­te sque­ro, eine Repa­ra­tur­werk­statt für Gon­deln, um ihre Exis­tenz. Sie wird von einem Vater-Sohn-Duo geführt, das ein­fach nicht arbei­ten will. Lie­ber wol­len sie das Leben in sei­ner Ein­fach­heit genie­ßen, indem sie aus den neu for­mier­ten kapi­ta­lis­ti­schen Struk­tu­ren aus­stei­gen. Der Film setzt die Schnel­lig­keit der neu­en Motor­boo­te dem Schat­ten des Kirsch­baums und dem Cho­rus der Wel­len­sit­ti­chen ent­ge­gen. Wie Tag Gal­lag­her so tref­fend fest­hält: “In Ame­ri­ca it was thought that rea­li­ty deter­mi­ned ide­as; in Ita­ly it was obvious that ide­as deter­mi­ned rea­li­ty. Rhe­to­ric and will­power can trans­form rea­li­ty, said the Fascists and Gramsci too. Sin­ce the world exists only in our ima­gi­na­ti­on, we can make of it any­thing we choose.”

Nörd­lich von Sizi­li­en, genau­er auf Strom­bo­li schei­tert die­se Idee in Vitto­rio De Setas Iso­le di fuo­co am kar­gen Leben. Die Möwen schwei­gen. Der Vul­kan ver­gisst sich nicht, er schlum­mert nur und das, was lebt, lebt in sei­nem Schat­ten. Die Häu­ser sind schlicht und weiß. Zwei Ker­ben für Fens­ter, die etwas Licht hin­ein­las­sen. Nachts bän­digt man das Feu­er in Later­nen. Die Män­ner fah­ren als Fischer zur See, die genau­so unnach­gie­big ist wie das Land. Sie arbei­ten bar­fuß und mit hoch­ge­krem­pel­ten Hosen. Es braucht bis zu zehn von ihnen, um eines ihrer Boo­te an Land zu ziehen.

Wie­der Strom­bo­li (Rober­to Ros­sel­li­ni), aber “our sto­ry beg­ins in the dis­pla­ced per­sons camp of Far­fa, Ita­ly”. Sta­chel­draht­an­trä­ge und prag­ma­ti­sche Mon­ta­ge: Altar, Zug, Schiff, Strom­bo­li. Bald Ingrid (Ingrid Berg­man) ver­lo­ren zwi­schen schlich­ten Häu­ser­schluch­ten. Im Hin­ter­grund hallt ein Kin­der­schluch­zen, doch es wird nicht zur bekann­ten Dyna­mik zwi­schen Eltern und Kind kom­men wie in Ladri di bici­c­lette. Statt­des­sen küsst Berg­man ver­dorr­tes Gras und umgibt sich mit “litt­le old men who speak of Ame­ri­ca all the time”. (Ros­sel­li­ni diri­gier­te die Män­ner, indem er einen Faden um ihre Zehen zog. Ihr Eng­lisch war nicht exis­tent und sie lern­ten ihre Sät­ze rein pho­ne­tisch, ohne deren Inhalt zu ver­ste­hen.) Schön­heit stößt sich hier immer erst­mal ab. Zwei Modi – Land und Star – die durch ihre Grö­ße nur sel­ten in das glei­che Bild pas­sen und gegen­ein­an­der mon­tiert werden.

Die Welt, die Vitto­rio De Setas zeigt, ist in sich ver­lo­ren und wird doch in der Mon­ta­ge gefes­tigt. Vie­le sei­ner Fil­me zei­gen Män­ner bei ihrer Arbeit. Die Metho­den der Arbeit sind älter als jene, die sie prak­ti­zie­ren, der Ertrag bleibt jedoch gering. In Lu tem­pu di li pisci spa­ta geht es um die Jagd. Sie benö­tigt sechs Män­ner, dau­ert Stun­den und bringt dabei viel­leicht einen Fisch. Durch De Setas Augen und Hän­de wird sie pure, eksta­ti­sche Bewe­gung. Dage­gen ist die Mat­tan­za in Strom­bo­li eine mecha­nisch-indus­tria­li­sier­te Tötungs­mon­ta­ge. Hier zeigt sich die Zukunft, Berg­mans vor Grau­en ver­zo­ge­nes Gesicht als gewoll­ter Nebeneffekt.

Andern­orts ver­här­ten sich die Fron­ten. In Riso ama­ro und Non c’è pace tra gli uli­vi dra­ma­ti­siert Giu­sep­pe De San­tis sei­ne Land­schafts­bil­der. In der Anfangs­se­quenz von Non c’è pace tra gli uli­vi erhebt sich die Kame­ra in einem nahe­zu voll­stän­di­gen Pan­ora­ma­schwenk über die Ber­ge Cio­cia­ri­as, wäh­rend De San­tis die Geschich­te der Land­schaft auf Phra­sen ver­knappt. Har­te Jah­re, har­te See­len. Hir­ten erhe­ben sich wie Sta­tu­en, still und per­fekt plat­ziert. Alle tra­gen ciòcie, das tra­di­tio­nel­le Schuh­werk der Regi­on. Dann wer­den in Ein­zel­ein­stel­lun­gen die Figu­ren in einer Stren­ge und Strin­genz insze­niert, die den Film als einen sozia­lis­ti­schen Rache­film offen­ba­ren. Poli­tisch wie auch for­mal bekennt sich De San­tis damit zum sowje­ti­schen Kino.

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Als Beni­to Mus­so­li­ni 1935 mit dem Plan, sein Afri­ca Ori­en­ta­le Ita­lia­na aus­zu­wei­ten, Äthio­pi­en über­fiel und unter Ein­satz von Bom­ben und Senf­gas annek­tier­te, jubel­te Ita­li­en. Als nach einem ver­ei­tel­ten Anschlag auf Rodol­fo Gra­zia­ni, die ita­lie­ni­schen Streit­kräf­te als Ver­gel­tung ein äthio­pi­sches Klos­ter über­fie­len, in dem sie die Faden­zie­her ver­mu­te­ten, nicht vor­fan­den und statt­des­sen alle Mön­che und Non­nen umbrach­ten, jubel­te Ita­li­en. Als sich Vitto­rio Ema­nue­le III di Savoia nun eben­falls „König von Äthio­pi­en“ nann­te, was nur von Deutsch­land und Japan aner­kannt wur­de, jubel­te Ita­li­en erneut.

Der Krieg kos­te­te und Ita­li­en bezahl­te mit Chau­vi­nis­mus und lee­ren Mägen. Nach­dem Ita­li­en Äthio­pi­en ein­ge­nom­men hat­te, ließ Mus­so­li­ni das Land aller­dings nicht aus­blu­ten. Er ver­such­te, ita­lie­ni­sche Bau­ern in Äthio­pi­en anzu­sie­deln, aber die meis­ten Emi­gran­ten gin­gen wegen des bes­se­ren Bodens nach Eri­trea und Soma­lia. Den­noch wur­de inves­tiert: Ita­li­en bau­te Stra­ßen, wei­te­re Zug­ver­bin­dun­gen und Flug­hä­fen mit einer eige­nen Flug­li­nie. Dazu kamen Tele­fon­mas­ten, Kran­ken­häu­ser und Schu­len. Es war ein Kolo­nia­lis­mus, der sich durch die Kul­tur defi­nier­te, der mit einem gewis­sen uto­pi­schen Trotz Ita­li­en und des­sen Geschich­te in Ost­afri­ka fort­schrei­ben woll­te. Dann kam der Zwei­te Weltkrieg.

1979, Kolum­bi­en an der Gren­ze zu Bra­si­li­en: Das Grün des Regen­walds ist stark und weit­flä­chig, durch­bro­chen von brau­nen Fluss­bet­ten. Durch das Was­ser zie­hen sich die Spie­ge­lun­gen der Wol­ken. Das Bild ist unru­hig, denn die Kame­ra filmt aus einem Heli­ko­pter, der nie­mals lan­den wird. Der Lärm der Maschi­ne wird über­spielt von Riz Orto­la­nis sanft­mü­ti­gem Flau­t­an­do der Strei­cher. Das Bild zeigt den Titel des Films: Can­ni­bal Holo­caust (Rug­ge­ro Deo­da­to). Wer den Heli­ko­pter ver­lässt, wird ster­ben. In Ulti­mo mon­do can­ni­ba­le, dem Vor­gän­ger, den Deo­da­to auf Mind­a­nao in den Phil­ip­pi­nen dreh­te, bleibt das Flug­zeug als Fremd­kör­per im Bild, hier ist der Blick auf die Land­schaft unver­stellt, als bli­cke man selbst hinaus.

Ende der 1970er, Anfang der 1980er-Jah­re wur­de der ita­lie­ni­sche Gen­re­film vom Kan­ni­ba­len­film domi­niert. Die Aus­gangs­la­ge war immer die­sel­be: Eine Rei­se – von Euro­pa nach New York nach Süd­ame­ri­ka – und in klei­ne­rer Beset­zung zurück. An Bord immer Jour­na­lis­ten, Wis­sen­schaft­ler oder Dro­gen­dea­ler. Die Struk­tur der Fil­me vari­iert kaum: Man geht in den Dschun­gel, man stirbt.

So wie das Flug­zeug und der dadurch ent­ste­hen­de Blick ist eben­so die Gewalt durch Tie­re und jene gegen sie ein ele­men­ta­rer Teil der fil­mi­schen Spra­che. Man sieht wie vor der Kame­ra Schild­krö­ten, Alli­ga­to­ren, Affen und ande­res zer­stü­ckelt, gebra­ten oder roh geges­sen wer­den. Die Gesich­ter der Aben­teu­rer bli­cken in die Lee­re des Dschun­gels und ver­su­chen ver­geb­lich ein Gefühl zum Aus­druck zu brin­gen, wäh­rend ver­meint­lich doku­men­ta­ri­sche Todes­sze­nen zwi­schen ihre Bli­cke mon­tiert werden.

Ich erin­ne­re mich an die Ana­kon­das. In Ser­gio Mar­ti­nos La mon­tagna del dio can­ni­ba­le sieht man wie eine Ana­kon­da einem Kapu­zi­ner­äff­chen lang­sam in den Schä­del beißt, um es dann zu ver­schlin­gen. Len­zi wie­der­holt das­sel­be Sze­na­rio in Can­ni­bal Ferox mit einer Bisam­rat­te. Die­se wird ange­bun­den, sodass sie kei­ne Mög­lich­keit zur Flucht besitzt. Als sie von der Ana­kon­da gefasst wird, kreischt sie, ehe auch ihr lang­sam das Leben aus­ge­quetscht wird. Cut zu Gio­van­ni Lom­bar­do, der sich an der Grau­sam­keit auf­geilt, wäh­rend Zora Kero­va sich ent­setzt abwen­det. Unter­des­sen zoomt die Kame­ra auf die Augen des ster­ben­den Tiers und es lässt unwei­ger­lich stau­nen, ein Lebe­we­sen beim Todes­kampf zu beob­ach­ten. Das Tier wird sich sei­ner eige­nen Sterb­lich­keit bewusst.

Der Dschun­gel ist sowohl Gegen­spie­ler als auch unre­flek­tier­tes Exo­ti­kum. “In the­re the more that you car­ry, the quicker you get tired, the soo­ner you die.” In Ulti­mo mon­do can­ni­ba­le sieht Mas­si­mo Foschi sei­nen Beglei­ter ver­meint­lich ertrin­ken, ehe er sich in blan­ker Angst zum Dschun­gel wen­det, wäh­rend auf der Ton­spur die ver­trau­ten Lau­te von Affen, Vögeln und allem, das kreischt, ertö­nen. Das Ein­zi­ge, was noch mehr Angst macht, ist die Abwe­sen­heit die­ser Tiergeräusche.

Schon in der Anfangs­se­quenz von Umber­to Len­zis Man­gia­ti vivi! Zeigt sich die inter­kon­ti­nen­ta­le Span­nung: Der Über­gang zwi­schen Zivi­li­sa­ti­on und Dschun­gel ist in die­sem Gen­re immer nur einen Schnitt ent­fernt. In Man­gia­ti vivi! wird die­se oft line­ar ver­lau­fen­de Bezie­hung – man begibt sich von der Zivi­li­sa­ti­on in den Dschun­gel – zum ers­ten Mal rück­ge­kop­pelt. Ein indi­ge­ner Auf­trags­mör­der streift durch Kana­da und New York und tötet aus­ge­wähl­te Zivi­lis­ten mit einem Gift­pfeil. Er wird mit der ver­schwun­de­nen Schwes­ter der Prot­ago­nis­tin ver­knüpft, die sich einer süd­ame­ri­ka­ni­schen Puri­fi­ca­ti­on-Sek­te (“a real bunch of cra­zi­es”) ange­schlos­sen hat­te, ehe sie ver­schwand. Man begibt sich auf die Suche nach ihr und stößt auf Ivan Ras­si­mov, der sich wie Colo­nel Kurtz aus Apo­ca­lyp­se Now sei­ne eige­ne Sek­te aufbaut.

Es scheint fast so, als wür­den die Fil­me abseits von Ita­li­en mit sich selbst frem­deln. Der Blick auf die Land­schaft ist und bleibt bewusst tou­ris­tisch. Er ver­knappt, bana­li­siert und zeigt wenig Inter­es­se an dem, was ihn ver­kom­pli­zie­ren könn­te. Obwohl der neo­rea­lis­ti­sche Nach­kriegs­film sich vor allem durch die Gleich­heit sei­ne Trüm­mer­bil­der in Sze­ne setzt, behält jede Stadt einen eige­nen Cha­rak­ter. Jedoch bleibt es kaum ratio­nal fass­bar. Flo­renz fühlt sich wie Flo­renz an, Vene­dig wird immer sei­ne Kanä­le behal­ten. Viel­leicht sind es auch nur die Men­schen, für die sich der Nach­kriegs­film mehr inter­es­siert, wäh­rend sie bei den Kan­ni­ba­len­film zu Mate­ri­al wer­den, das sexua­li­siert, exo­ti­siert, zer­hackt und zer­fleischt wer­den kann.