Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

P.S.

Peter Schrei­ner war ein ruhi­ger Mann. Man könn­te fast sagen, er war still. In Gesprä­chen mit ihm fiel mir vor allem die Sanft­heit sei­ner Stim­me auf. Er war ein sen­si­bler, emp­find­li­cher und emp­find­sa­mer Mensch. Unge­rech­tig­kei­ten und Miss­stän­de, die wir oft nur als “Nach­rich­ten” wahr­neh­men, schmerz­ten ihn zutiefst. 

Kein Wun­der, dass ein sol­cher Mann, auch sen­si­ble Fil­me gemacht hat. Der Ver­such, sie zu beschrei­ben erscheint den Fil­men gegen­über unge­nü­gend. Als ob sie an den fal­schen Wor­ten zer­bre­chen könn­ten. Es sind kei­ne Fil­me der Wor­te, wenn auch in man­chen sei­ner Fil­me eini­ges gespro­chen wird. In sei­nem Film Gar­ten bei­spiels­wei­se berich­ten die Figu­ren von ver­gan­ge­nen Ver­let­zun­gen. Oft­mals sind ihre Wor­te nicht syn­chron zum Bild, son­dern wir hören sie in einer Art Voice-Over. Wäh­rend­des­sen tau­chen sich die Bil­der des Fil­mes in Dun­kel­heit, sie bewe­gen sich durch einen fast abs­trak­ten Raum aus Blät­tern, Gesich­tern und Nacht.

Die­se Bil­der (und Töne) sind oft ganz groß, obwohl sie nie bom­bas­tisch oder gran­di­os sind. Dass sie einen den­noch bewe­gen, zeigt die Fein­füh­lig­keit der Fil­me. Eine klei­ne Ges­te, die kleins­te Bewe­gung der Kame­ra oder der Per­so­nen und Gegen­stän­de im Bild, ein sanf­ter Ton: sie bekom­men Raum in den Fil­men von Peter Schrei­ner. Ihnen wird gedul­dig Zeit gege­ben, sich zu ent­fal­ten. In Schrei­ners Fil­men, dür­fen Bil­der erst ein­mal für sich selbst ste­hen. Sie wer­den nicht sofort nach ihrem Infor­ma­ti­ons­ge­halt oder ihrer nar­ra­ti­ven Wir­kung gewer­tet und hin­ter­fragt. Unse­re Auf­merk­sam­keit ver­die­nen sie ein­fach durch sich selbst. 

Vor allem in sei­nen frü­hen Fil­men steht jede Ein­stel­lung für sich. Die Fil­me befin­den sich im Hier und Jetzt. Es fühlt sich fast so an, als ob Schrei­ner die Fil­me eben­falls von Sekun­de zu Sekun­de ent­deckt, sowie auch wir es tun, wenn wir die Fil­me sehen. Manch­mal dro­hen sie dabei fast zu zer­fal­len: Ist die Sum­me grö­ßer als die ein­zel­nen Tei­le? Das ist nicht immer ganz klar. Doch es liegt eine gro­ße Schön­heit dar­in, sich mit Offen­heit auf das ein­zu­las­sen, was Schrei­ner mit sei­ner Kame­ra ent­deckt hat. Wie in den Fil­men der Lumiè­res, oder Peter Hut­tons könn­ten sei­ne Fil­me nach fast jedem Bild enden. Doch man sitzt und hofft, dass es noch ein wei­te­res Bild geben wird. Es ist eine Form von Auf­merk­sam­keit, die für das Kino gedacht ist.

Peter Schrei­ner war immer auf der Suche danach, mit sei­ner Kame­ra wirk­lich etwas zu sehen. Das ist viel­leicht auch der Grund, war­um er sie wie­der­holt auf die­sel­ben Gesich­ter rich­te­te: um sie wirk­lich zu sehen. 

Die Fil­me von Peter Schrei­ner, das sind auch Fil­me vol­ler Leben. Er hat das Leben und die Welt gefilmt. Manch­mal war er selbst Teil die­ser gefilm­ten Welt, manch­mal waren es ande­re Men­schen. Öfters film­te er nicht nur das Leben son­dern sein Leben. Das heißt nicht unbe­dingt, dass die Fil­me auto­bio­gra­phisch oder doku­men­ta­risch sind (obwohl sie meist so bezeich­net wer­den in Tex­ten und Fes­ti­val­ka­ta­lo­gen). Die Inti­mi­tät vie­ler sei­ner Fil­me hat sie nie ein­fach nur pri­vat (im Sin­ne von home movies) gemacht. Wenn er die Gesich­ter derer gefilmt hat, die er geliebt und geschätzt hat und die ihn fas­zi­niert haben, dann war da immer eine Begeg­nung mit der Welt und dem/​der/​den Ande­ren

Sei­ne Fil­me waren bevöl­kert von den Men­schen, den Orten und den Bege­ben­hei­ten sei­nes Lebens. Als Peter Schrei­ner die Lie­be such­te, taten das sei­ne Fil­me auch. Nach­dem er sei­ne Frau Maria ken­nen­lern­te, strah­len sei­ne Fil­me in jedem Moment, in dem sie auf­taucht, vor Freu­de. Als Peter Schrei­ner Ita­li­en für sich ent­deck­te und erkun­de­te, tat er das auch mit der Kame­ra. Und so wur­de das Land immer prä­sen­ter in sei­nen Fil­men. Nach­dem er an Krebs erkrank­te, rich­te­te er die Kame­ra wie­der auf sich selbst und zeig­te das Leben mit und trotz der Krankheit.

Film und Leben gin­gen für ihn immer Hand in Hand. Das Eine erfüll­te und durch­flu­te­te das Ande­re. Wenn man sich das vor Augen führt, kann man wohl erst begrei­fen wie groß sei­ne Ent­täu­schung gewe­sen sein muss, als Blaue Fer­ne kaum Auf­merk­sam­keit erfuhr. Schrei­ner zog sich aus dem Kino zurück und mach­te 10 Jah­re lang kei­nen Film mehr. Und doch kehr­te er zurück. 

Fil­me gut zu machen war ihm wich­ti­ger als “gute Fil­me” zu machen. Es ging ihm dar­um, ein gutes Leben zu füh­ren. In die­sem Leben spiel­te die Film­ka­me­ra eine Rol­le. Sie leg­te Zeu­gen­schaft über das gut geführ­te Leben ab. Sie war nicht wich­ti­ger als das Leben. Das Fil­men stand nicht über dem Leben, son­dern war Teil davon. Peter Schrei­ner erzähl­te ger­ne, wie er zum ers­ten Mal sei­nen Sohn film­te. Er sprach von der Angst, die er ver­spür­te, als er die­ses gro­ße mecha­ni­sche Gerät über die­sem klei­nen Säug­ling auf­bau­te. Die Angst davor, dass die Kame­ra umfal­len und den Jun­gen ver­let­zen könn­te. Doch es geschah nichts der­glei­chen, denn Peter Schrei­ner film­te sei­nen Sohn mit gro­ßer Vor­sicht, sowie er alles in sei­nem Leben film­te: Fami­lie, Freun­de, Wüs­ten, Bäu­me, Was­ser, Wind, Küs­se, Schmer­zen, Kin­der, Lie­be, Krankheit,… 

Er hat gefilmt, solan­ge er dazu imstan­de war. Für sei­nen letz­ten Film Tage war es ihm nicht mehr mög­lich, kom­ple­xe Kame­ra­fahr­ten oder ‑bewe­gun­gen aus­zu­füh­ren. Das Bewe­gen des Sta­tivs und das Ein­rich­ten eines Bil­des kos­te­ten ihm viel Kraft. Aber er tat es trotz­dem, denn er hat das Fil­men geliebt.