Foxcatcher Bennett Miller

American Monsters: Foxcatcher von Bennett Miller

Fast zärt­lich, mit kraft­vol­ler Gewalt und einer spür­ba­ren Aggres­si­on umrin­gen sich die bei­den Schultz-Brü­der in einer frü­hen Sze­ne von Ben­nett Mil­lers Fox­cat­cher. Die Ästhe­tik des Ring­sports wird ins­be­son­de­re in den ange­nehm ruhi­gen Anfangs­se­quen­zen die­ses mensch­li­chen Dra­mas mit Mons­tern erforscht. Was sind das für Men­schen, die sich da bekrie­gen? Was sind das für Kör­per? Spä­ter gibt es gar eine Sze­ne, in der eine Trai­nings­ses­si­on beglei­tet von klas­si­scher Musik nun wirk­lich einem Tanz gleicht. Der Schweiß, die Männ­lich­keit, die Wut, die Ver­letz­lich­keit, die Wür­de. In sei­nem drit­ten fik­tio­na­len Spiel­film gelingt es Ben­nett Mil­ler wie­der, eine beacht­li­che Span­nung zwi­schen der Phy­sis und Psy­che sei­ner Dar­stel­ler zu erzeu­gen. Wie schon beim unfass­ba­ren Phil­ip Sey­mour Hoff­man in Capo­te und bei Brad Pitt in Money­ball zei­gen sich die Emo­tio­nen und Lebens­be­din­gun­gen der Figu­ren über ihren kom­plet­ten Ges­tus und ihrer Kör­per­lich­keit. Und je län­ger Fox­cat­cher dau­ert, des­to mehr spü­ren wir die­se inne­re Kraft. Ins­be­son­de­re der beob­ach­ten­de Ges­tus, den Mil­ler auf die Ring­sze­nen legt, ent­fes­selt ein fil­mi­sches Poten­zi­al. Jedoch wird hier zu kei­ner Zeit ver­steckt, was erzählt wer­den soll. Manch­mal neh­men die nar­ra­ti­ven Zwän­ge der kör­per­li­chen Ener­gie den Wind aus den Segeln, manch­mal ver­stär­ken sie die­se gar noch. Hoch­emo­tio­na­le, musi­ka­li­sche Akzen­tu­ie­run­gen ver­su­chen immer wie­der einen Fluss in die Bewe­gun­gen und Zwi­schen­mensch­lich­kei­ten zu brin­gen, der doch sonst auch von ganz allei­ne aus der Quel­le der Kör­per ent­ste­hen würde.

Foxcatcher Carell

Mil­ler erzählt die Geschich­te einer Drei­ecks­be­zie­hung zwi­schen den bei­den gro­ßen ame­ri­ka­ni­schen Rin­gern und Olym­pia­sie­gern, den Brü­dern Mark und Dave Schultz, und dem exzen­tri­schen Mul­ti­mil­lio­när John du Pont. Basie­rend auf wah­ren Bege­ben­hei­ten will die­ser ein Team auf­bau­en, das den ame­ri­ka­ni­schen Ring­sport bei den Olym­pi­schen Spie­len in Seo­ul 1988 zu Gold füh­ren soll. Mil­ler bewegt sich auf bekann­tem Ter­rain. Nicht nur die Tat­sa­che, dass er sich wie­der im Umfeld bezie­hungs­wei­se Hin­ter­grund eines Sports bewegt und einen als Come­di­an bekann­ten Dar­stel­ler in einer erns­ten Rol­le (Ste­ve Carell als Du Pont) besetzt, son­dern auch die Bedeu­tung sei­ner auf tat­säch­li­chen Ereig­nis­sen beru­hen­den Beob­ach­tun­gen für die ame­ri­ka­ni­sche Nati­on am Ende ihrer eige­nen Idea­le einen die bis­he­ri­gen drei Lang­spiel­fil­me des Regis­seurs. Dabei erforscht er wie­der das lang­sa­me Umkip­pen fest­ge­fah­re­ner Vor­stel­lun­gen von Männ­lich­keit, Patrio­tis­mus und Glück. Der krank­haf­te und fehl­ge­lei­te­te Ehr­geiz sei­ner Figu­ren ist ein Sinn­bild und zugleich ver­mag Mil­ler es, die kör­per­li­chen Stra­pa­zen die­ser inne­ren Kon­flik­te in Zuckun­gen und Aus­brü­chen zu zei­gen und sie somit über ihre Meta­pho­rik hin­aus, zu einem ganz greif­ba­ren Ele­ment sei­ner Erzäh­lung zu machen. Dabei agie­ren die ame­ri­ka­ni­schen Mons­ter in die­sem Psy­cho­spiel kei­nes­wegs sub­til. Carell bewegt sich sei­ner Natur gemäß im erstaun­li­chen Rah­men einer gro­tes­ken Natür­lich­keit. Man hat ihm extrem gehol­fen mit Make-Up und Kos­tüm, denn im End­ef­fekt wirkt sei­ne Erschei­nung fast wie aus einem Richard-III.-Hakennasen-Horrorfilm, er ist ein wahr­haf­tes Mons­ter und in die­ser Mons­tro­si­tät zugleich gefähr­lich und ver­letz­bar. Du Pont ist ein gelang­weilt rei­cher Erbe, der sich zur Erhal­tung ame­ri­ka­ni­scher Idea­le beru­fen sieht, solan­ge er ihnen als Vor­rei­ter die­nen kann und damit sei­ne Mut­ter beein­druckt. Als Erbe einer Muni­ti­ons-Dynas­tie steht er weni­ger für eine mani­pu­lie­ren­de, nach Gro­ßem stre­ben­de, kapi­ta­lis­ti­sche Macht, son­dern ist schon selbst in sei­nen Gedär­men davon kor­rum­piert. Bedro­hung und Ein­sam­keit, Gewalt und Angst, Zunei­gung und Kon­trol­le… Carell und Mil­ler ver­mö­gen es, der Figur all die­se Ambi­va­len­zen zu geben. Lei­der jedoch set­zen sie ein wenig zu stark auf einen bewusst über­trie­ben dar­ge­stell­ten Mut­ter­kon­flikt. Sie (Vanes­sa Red­gra­ve) hält den Ring­sport für einen nie­de­ren Sport und gibt ihrem Sohn nicht jene Aner­ken­nung, nach der er so lechzt. Im ers­ten Drit­tel des Films arbei­tet Mil­ler noch mit Andeu­tun­gen, dann ent­schei­det er sich aber dafür, ganz deut­li­che Sze­nen zu zei­gen, die die­sen Kon­flikt zei­gen. Ein­mal legt Carell sei­ner unbe­weg­li­chen Mut­ter einen Pokal in den Schoss und wir sehen unheim­li­che Mons­ter, die vol­ler Neu­ro­sen, Ehr­geiz, Aner­ken­nungs­stre­ben und Abhän­gig­kei­ten jede Mensch­lich­keit ver­lie­ren oder gera­de dar­in ihre Mensch­lich­keit offen­ba­ren. Zwar flir­tet Mil­ler immer wie­der hef­tig mit den Kli­schees einer sol­chen Erzäh­lung, aber er ret­tet sich dadurch, dass er sei­ne Sze­nen noch wei­ter führt und die Kame­ra noch eini­ge Augen­bli­cke über die schein­ba­ren Schmerz­gren­zen hin­weg auf den Über­zeich­nun­gen und Hand­lun­gen ruhen lässt und ihnen somit eine Wahr­haf­tig­keit zurück­gibt. Eine sol­che Sze­ne fin­det sich, als das Team nach dem Welt­meis­ter­ti­tel im Tro­phä­en­kel­ler von Du Pont zusam­men fei­ert. Du Pont ist betrun­ken, er nimmt die Pfer­de­po­ka­le sei­ner Mut­ter aus dem Schrank und legt die neu­ge­won­ne­nen Medail­len hin­ein, er hält (wie immer) gro­ße Reden und bricht betrun­ken zusammen…denkt man…aber auf dem Boden lie­gend beginnt er plötz­lich mit sei­nen Sport­lern zu rin­gen, er umklam­mert ihre Bei­ne, lachend, schrei­end, und es zeigt sich eine fast unschul­di­ge Lei­den­schaft, eine Kind­lich­keit und Trau­rig­keit, die man nie­mals in die­ser Sze­ne erwar­tet hät­te und die den­noch in das Krank­haf­te und Bedroh­li­che der Figur passt. Und in die­sem Fall bekommt Mil­ler die Wen­dung tat­säch­lich aus den Kör­pern sei­ner Figu­ren. An ande­ren Stel­len setzt er sie auf. Als Bei­spiel könn­te man die plötz­li­chen homo­se­xu­el­len Span­nun­gen nen­nen. Aber auch das emo­tio­na­le Keil, das sich zwi­schen Du Pont und Mark Schultz drängt, ist nicht jeder­zeit spür­bar, son­dern dient ledig­lich als nar­ra­ti­ver Auf­hän­ger für dra­ma­ti­sche Szenen.

Foxcatcher Tatum

Das Obsku­re und Kran­ke in du Pont kommt aus der ame­ri­ka­ni­sche See­le her­aus­ge­tropft, es ist die Umstül­pung, und wie Umstül­pun­gen es so an sich haben, zeigt sich dadurch etwas, was eigent­lich ver­bor­gen bleibt und doch dazu­ge­hört, wenn nicht sogar essen­ti­ell ist. Das Kip­pen der Männ­lich­keit ist hier auch das Kip­pen ame­ri­ka­ni­scher Wer­te. Es stel­len sich Fra­gen an den Kapi­ta­lis­mus und das Stre­ben nach Per­fek­ti­on, an die Bedeu­tung der Geschich­te und das Kämp­fen für Idea­le. Eine die­ser Fra­gen ist, ob die schein­bar offen­si­ven, expan­die­ren­den Bewe­gun­gen nicht eigent­lich Ver­tei­di­gungs­me­cha­nis­men sind und wenn man nur lan­ge genug auf dem Boden lie­gen könn­te und sich nicht umdre­hen las­sen wür­de, dann könn­te man ihnen wider­ste­hen. Und wenn dem so ist, dann sind die Kämp­fe die­ser Mons­ter und womög­lich des gan­zen Staa­tes, kei­ne Kämp­fe mit einer ande­ren Par­tei, son­dern eigent­lich Kämp­fe mit sich selbst, und so kann auch das sowje­tisch-ame­ri­ka­ni­sche Duell am Ende des Films kei­ne Bedeu­tung mehr haben. Es ist ein ent­leer­tes Bild eines Kamp­fes, der kei­ner mehr sein kann, weil schon zuvor alle Idea­le, für die gekämpft wer­den könn­te, zer­stört wor­den sind. Man kann sich auch bezo­gen auf den Titel fra­gen, was man eigent­lich jagt und fängt? Ruhm, Men­schen, See­len oder doch nur sei­ne eige­nen Kon­flik­te? Hin­ter allen Idea­len scheint immer ein Eigen­nut­zen als antrei­ben­de Kraft zu ste­hen. Das ist nicht nur das Mons­trö­se an Fox­cat­cher oder an den USA son­dern wohl an unse­rer Mensch­lich­keit oder zumin­dest jener, die uns Mil­ler hier nahebringt.

Auch Chan­ning Tat­um als Mark Schultz ist ein hoch­in­ter­es­san­ter Fall. Das raue, stump­fe Naï­ve, schwei­gend Gekrümm­te von Tat­um funk­tio­niert vor allem des­halb, weil er einen glaub­haf­ten Kör­per für die­se Rol­le hat. Wenn er ein­mal im Auto sitzt und einen Bur­ger isst, dann spürt man förm­lich, wie sein Kör­per das Fleisch zer­malmt, sto­isch wie eine Wal­ze, und doch bro­delt es in ihm. Aller­dings hat er kei­nen Kanal, um die­ses Bro­deln zu ent­flam­men, statt­des­sen klebt er sich an die Illu­si­on einer Selbst­be­stimmt­heit im Schat­ten einer Fata­li­tät. Sei­ne Befrei­ungs­ver­su­che sind dann dem­entspre­chend unin­spi­riert und erfolg­los. Beson­ders dra­ma­tisch ist, dass er zwar dar­an zer­bricht, am Ende aber nicht der Haupt­lei­den­de ist. Das trifft schon eher auf sei­nen Bru­der Dave zu, der von Mark Ruf­fa­lo gespielt wird. Nein, Mark Ruf­fa­lo als Rin­ger war und ist eine schlech­te Idee. Die gebück­te Kör­per­hal­tung wirkt bei ihm in jeder Sekun­de wie bemüh­tes Spiel, sein Kör­per scheint nie­mals der eines Leis­tungs­sport­lers zu sein, eine treu­her­zi­ge Wär­me erzählt uns in jeder Sze­ne mit ihm, dass er ein guter Mensch ist und sonst nichts und aus die­ser Wär­me gewinnt Mil­ler nicht wie bei sei­nen ande­ren Figu­ren einen inne­ren Kon­flikt son­dern benutzt ihn nur als Dreh­buch­funk­ti­on. Es ist sicher­lich sehr frucht­bar, sich Fox­cat­cher und Ben­nettt Mil­ler aus einer Schau­spiel­per­spek­ti­ve zu nähern, denn auch sei­ne in Can­nes mit dem Regie­preis aus­ge­zeich­ne­te Insze­nie­rungs­ar­beit ord­net sich auf den ers­ten Blick den Per­fo­man­ces unter. Es ist fast eine ähn­li­che Stra­te­gie wie jene eines Woo­dy Allen. Bei Mil­ler wech­seln sich Halb­to­ta­len und Nah­auf­nah­men ab, und in die­sen Ein­stel­lun­gen lässt Mil­ler sei­nen Schau­spie­lern Raum, um ihre Cha­rak­te­re mit kör­per­li­chem Leben zu fül­len. (hier ein Unter­schied zu Allen, der die Kör­per­lich­keit unter sei­nen Dia­lo­gen begräbt.) Zwi­schen­durch gibt es schön foto­gra­fier­te Super­to­ta­len und eben jene Ring­tän­ze. Mit die­sem eigent­lich limi­tier­ten Reper­toire lässt Mil­ler aus sei­ner Mon­ta­ge und sei­nem Raum­ver­ständ­nis auch Kon­flik­te und Abhän­gig­kei­ten in sei­ne Bild­spra­che glei­ten. Ähn­lich wie bei David Fin­cher kann man anhand von Abstän­den zwi­schen den Figu­ren, ihren räum­li­chen Posi­tio­nen und klei­nen Details am Rand des Bil­des die inne­ren Kon­flik­te erken­nen. In die­ses Mus­ter fügt sich auch ein extrem durch­dach­tes Sze­nen­bild ein. Hier wird vor allem mit Gegen­sät­zen gear­bei­tet. In Schultzs Woh­nung lie­gen eini­ge Mün­zen auf einer Kom­mo­de, wäh­rend bei Du Pont alles nur so glänzt vor Patri­zi­er-Schick, häss­lich und geord­net und immer mit der merk­wür­di­gen Gewalt einer Bedro­hung unter­legt. Die Tableau-Estab­lisher zei­gen häu­fig Geweh­re im Hin­ter­grund, eine Erdrü­ckung geht von den zuge­stell­ten Sym­me­trien aus. Die­se wird nur vom Sport, also wie­der der Phy­sis durch­drun­gen. So trai­niert Tat­um in einer Super­to­ta­le auf dem Weg zu Du Ponts Anwe­sen, rollt über den sau­ber gemäh­ten Rasen und durch­bricht damit die eigent­li­che Anord­nung. Es ist bezeich­nend und irgend­wie auch span­nend, dass Fox­cat­cher an genau dem glei­chen Wider­spruch krankt, den er in sei­nem Kern betrach­tet. Es ist ein Tanz zwi­schen einer auf Effekt und psy­cho­lo­gi­sche Klar­heit zie­len­den Nar­ra­ti­on und einer fast stum­men Doku­men­ta­ti­on der Kör­per. Und so könn­te man am Ende zum Schluss kom­men, dass die Idea­le selbst die Mons­ter sind und die Mons­ter nur dar­an zer­bro­che­ne Menschen.