Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Three Men of Wisconsin: The Go-Between von Joseph Losey

In The Go-Bet­ween bringt Joseph Losey ein bestän­di­ges Gefühl in unse­re Her­zen, jenes Gefühl, das man als Kind hat­te, wenn man nachts heim­lich einen Roman las und dadurch die Welt ent­deck­te. Viel­leicht auch jenes Gefühl, indem sich unse­re Vor­stel­lun­gen von Lie­be und unse­re Ängs­te eta­blie­ren. Es ist ein pas­to­ra­les Klas­sen­por­trait, die Geschich­te einer ande­ren Per­spek­ti­ve auf das Gesche­hen und die Poe­sie von tota­len Ein­stel­lun­gen. Als Gewin­ner der Gol­de­nen Pal­me in Can­nes mar­kiert der Film die drit­te und letz­te Zusam­men­ar­beit von Losey mit Harold Pin­ter am Dreh­buch und gehört sicher­lich zu jener Pha­se, in der sich der Ame­ri­ka­ner an gro­ßer Kunst versuchte.

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Im Zen­trum des Films steht der Jun­ge Leo, der die Som­mer­fe­ri­en bei einer ade­li­gen Fami­lie eines Schul­freun­des auf deren Land­sitz ver­bringt. Schnell fas­zi­niert er sich für die älte­re Schwes­ter sei­nes Schul­ka­me­ra­den, die von einer zer­brech­lich jun­gen Julie Chris­tie gespielt wird. Sie hat eine Affä­re mit dem Land­wirt Ted und schnell gewinnt Leo das Ver­trau­en und die Zunei­gung der bei­den, indem er als gehei­mer Post­bo­te Brie­fe zwi­schen den bei­den ver­mit­telt. Gleich­zei­tig ent­deckt Leo durch die­se Auf­ga­be als Göt­ter­bo­te Mer­cu­ry die Geheim­nis­se der Sexua­li­tät. Die Beset­zung von Leo mit dem buben­haf­ten Domi­nic Guard, des­sen Haa­re immer­zu um die Ohren lie­gen und der mit roten Paus­bäck­chen und einer bestän­di­gen Neu­gier und Unwis­sen­heit in den Augen, jedem Kli­schee ent­spricht, das man sich so vor­stel­len kann, sagt viel über die nar­ra­ti­ve Geschlos­sen­heit des Films aus. Ein fast iro­ni­scher Bruch damit geschieht gegen Ende, als wir den älte­ren Leo mit dem­sel­ben buben­haf­ten Aus­druck auf sei­nem Gesicht sehen. Es ist den­noch – wie so oft – so, dass wir hier eher ein bestimm­tes Bild eines Jun­gen sehen als einen indi­vi­du­el­len Jun­gen. Das Ziel von Losey ist klar: Iden­ti­fi­ka­ti­on durch Ver­all­ge­mei­ne­rung. Das Ergeb­nis ist jedoch eine gewis­se Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Protagonisten.

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Immer wie­der erzeugt Losey 2er Gesprä­che und Situa­tio­nen zwi­schen den Räu­men. Er fin­det äußerst avan­cier­te Lösun­gen für span­nen­de Insze­nie­run­gen. Sei­ne Kame­ra bewegt sich hier ähn­lich wie in sei­nem Eva deut­lich frei­er als in sei­nen ame­ri­ka­ni­schen Arbei­ten. Dabei macht er vor allem Gebrauch von span­nen­den Tele-Auf­nah­men und atem­be­rau­ben­den Tota­len. Die Tota­len set­zen zum einen auf einen Art male­ri­schen Ges­tus mit Figu­ren im Vor­der­grund und der grü­nen Land­schaft im Hin­ter­grund und zum ande­ren auf eine Distanz. Die­se hat bei Losey zwar mehr mit einer Zeit­lich­keit an sich zu tun, dem gan­zen Kon­strukt von Erin­ne­rung, Kind­heit und Klas­sen­ge­ha­be, aber ein Ver­gleich mit Hou Hsiao-Hsi­ens A Sum­mer at Grandpa’s regt sich den­noch, da es hier wie dort, um jene Distanz geht, die man als Kind von der Welt der Erwach­se­nen hat. Aller­dings setzt Hou deut­lich radi­ka­ler auf die­se ver­scho­be­ne Per­spek­ti­ve (ähn­lich wie Andrey Zvyag­int­s­ev zu Beginn von The Return), da es bei ihm kei­ne Erkennt­nis im eigent­li­chen Sinn geben kann und darf und da er sich zu kei­ner Zeit mit dem Publi­kum ver­bün­det. Bei Losey dage­gen sehen wir die­se Welt nicht durch die Augen eines Kin­des, son­dern wir sehen ein Kind in einer Welt betrach­tet durch den Fil­ter der Erin­ne­rung. Die über­trie­be­nen Musik­ein­sät­ze mit den schö­nen Melo­dien von Michel Leg­rand tun ihr übri­ges. Statt eines Films über das Erwach­sen­wer­den sehen wir die stän­di­ge Beto­nung der Bedeu­tung die­ses Erwach­sen­wer­dens. Dadurch ver­spielt The Go-Bet­ween so man­ches Poten­zi­al. Alles scheint immer am rich­ti­gen Platz zu sein, alles wird ein­ge­ord­net, psy­cho­lo­gisch erklärt und die­ses Vor­ge­hen wird vom Film selbst nicht hin­ter­fragt. Letzt­lich fühlt sich der Film so klas­sisch an, dass er wohl weni­ger mit den ein­gangs geschil­der­ten Kind­heits­er­in­ne­run­gen har­mo­niert, als mit jenen schwe­ren Schul­lek­tü­ren, die mehr nach dem Staub, der auf ihnen lag, als nach den Wel­ten, die sich dahin­ter ver­bar­gen, schmeckten.